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Traurig sei das alles, sagt Klaus Roรmeier. Dann formuliert der Sozialdemokrat, Jahrgang 1936, einen Satz, der ihm nur schwer รผber die Lippen kommt: “Ich รผberlege, aus meiner Partei auszutreten.” Roรmeier steht im “Tivoli” im thรผringischen Gotha; im Jahre 1875 konstituierte sich hier die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands โ die unmittelbare Vorgรคngerin der SPD.
Geschichte atmet der Saal, an groรe Stunden erinnert die Ausstellung. Roรmeier ist hier oft zu Gast, er wohnt in Gotha, zwei Jahrzehnte lang saร er im Stadtrat, erst kรผrzlich wurde er geehrt von der SPD. In der DDR gehรถrte der freundliche Herr mit den wachen Augen keiner Partei an, die Blockparteien waren fรผr ihn keinen Deut besser als die SED. Der Sozialdemokratie in der DDR trat Roรmeier kurz nach ihrer Grรผndung 1989 bei. Als Willy Brandt am 27. Januar 1990 im “Tivoli” redete, hรถrte er zu.
Diese schรถnen Zeiten liegen fรผr Roรmeier weit zurรผck. Heute, wenige Tage vor der thรผringischen Landtagswahl, fรผrchtet er, dass seine Partei eine Koalition mit der Linken bilden wird. Die Linke, das ist fรผr ihn die alte SED. Sollten SPD und Linke deren Spitzenkandidaten Bodo Ramelow zum Ministerprรคsidenten wรคhlen, dann will Roรmeier sein Parteibuch zurรผckgeben. Ziemlich genau ein Vierteljahrhundert nachdem er der jungen, kleinen, historisch unbelasteten Sozialdemokratie beigetreten war.
Wie Roรmeier denkt mancher seiner Parteifreunde. Dabei haben Berliner SPD-Politiker die erste rot-rote Koalition unter Fรผhrung der Linken lรคngst eingepreist. Umfragen sehen die SPD bei nur 19 Prozent, weit hinter CDU und Linken โ wie bei der Landtagswahl vor fรผnf Jahren.
“Allein der Landesverband entscheidet”, lautet die inzwischen gut geรผbte Floskel von SPD-Generalsekretรคrin Yasmin Fahimi. Spitzenkandidatin Heike Taubert und der SPD-Landesvorstand lassen die Koalitionsfrage offen, wollen den eigenen Preis in die Hรถhe treiben, wo schon die Umfragewerte nicht steigen. An der Basis der thรผringischen SPD aber gรคrt es. Seit 2009 regiert sie mit der CDU. Der in Berlin lรคngst erwartete Partnertausch von CDU zur Linken aber ist mitnichten eine sichere Sache.
In manchem Sozialdemokraten zwischen Eisenach und Gera schlagen dabei zwei Herzen: Von der sich als Staatspartei gerierenden CDU fรผhlen sich die Sozialdemokraten mies behandelt. Auรerdem wirft die SPD Ministerprรคsidentin Christine Lieberknecht mangelnden Mut und geringen Rรผckhalt in der eigenen Partei vor. Wichtige Projekte, wie die als dringend erachtete Gebietsreform, lieรen sich viel besser mit den Linken durchsetzen. Mit deren pragmatischen Kommunalpolitikern arbeitet man lรคngst gut zusammen.
“Stasi-Spitzel kokettieren mit ihrer Vergangenheit”
Innerhalb der SPD hรคngt die Sicht auf die Linken oft vom Lebensalter der Akteure und der Geografie ab: Die Jusos favorisieren ein rot-rotes Bรผndnis, wรคhrend viele รltere skeptisch sind. An der ehemals innerdeutschen Grenze wird der laxe Umgang der Linken mit ihrer Geschichte stรคrker bemรคngelt als im weiter รถstlichen Gera oder Jena. Die Gegner einer Annรคherung an die Linken beklagen vor allem, dass mit Frank Kuschel und Ina Leukefeld zwei ehemalige Stasi-Mitarbeiter fรผr die Linke im Landtag sitzen. Beide zeigen bis heute nach Auffassung vieler in der SPD keinerlei Reue โ sondern kokettieren vielmehr mit ihrer Geheimdienst-Vergangenheit.
“Keiner von denen sagt, er habe etwas falsch gemacht. Um Verzeihung haben Kuschel und Leukefeld nie gebeten”, klagt Sozialdemokrat Roรmeier. “Diese Leute haben im Parlament nichts zu suchen.” Gabriele Reichstein steht neben Roรmeier im “Tivoli”, und nickt mit dem Kopf. Reichstein, ehemalige Vorsitzende der SPD in Gotha, gehรถrt ebenfalls zu den Leuten der ersten Stunde. “Ich kann mir nicht vorstellen, dass die SPD irgendeinen Linken in das Ministerprรคsidentenamt hebt”, sagt Reichstein. “Die Linke hat ihre Vergangenheit nicht aufgearbeitet.
Dass die beiden Ex-Stasi-Mitarbeiter Kuschel und Leukefeld in der Linke-Fraktion sitzen, provoziert die Grรผndergeneration der Ost-SPD. Deren Protagonisten hatten im Herbst 1989 mit allerhand Mut Demonstrationen gegen SED und Stasi organisiert, Transparente gemalt und an Friedensgebeten teilgenommen. Sie stellten sich gegen das System. Leukefeld und Kuschel reprรคsentieren dieses System, bis heute. Die Linke habe ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, ist in der SPD seit jeher zu hรถren. Dass aber die Linken ihre MfS-Spitzel gar mit den aussichtsreichen Listenplรคtzen sieben und acht belohnt haben, begreifen die Sozialdemokraten als Schlag ins Gesicht aller Demokraten.
Koalitionsfrage in SPD “hoch umstritten”
Matthias Hey eilt in diesen Tagen von Empfang zu Empfang, von Infostand zu Podiumsdiskussion. Der 44-jรคhrige Vorsitzende der SPD in Gotha will sein hier errungenes Direktmandat fรผr die SPD verteidigen.
Wie gespalten seine Partei auf die linke Konkurrenz blickt, bestreitet er nicht: “Hoch umstritten” sei in den eigenen Reihen eine Koalition mit den (vermutlich prozentual stรคrkeren) Linken. Im Ortsverein Gotha wรผrden “sich jeweils 50 Prozent unserer Mitglieder fรผr und gegen ein solches Bรผndnis stellen”.
Eisenach ist, neben Gotha, noch so ein Erinnerungsort fรผr die SPD. Im “Goldenen Lรถwen” wurde 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegrรผndet. “Ich habe mir in der DDR nie trรคumen lassen, dass ich dieses Haus einmal als Mitglied der SPD betreten kann”, sagt Wolfgang Schenk. Der pensionierte evangelische Pfarrer fรผhrt Gruppen durch das Lutherhaus โ und durch den “Goldenen Lรถwen”.
In der Pilgerstรคtte der SPD findet Schenk lutherisch klare Worte. “Ich zittere”, sagt der 77-Jรคhrige. “Ich habe Angst, dass Stasi-Kuschel mit der Linken die Macht ergreift.” Ex-Stasi-Mann Kuschel habe in der DDR Ausreisewilligen das Leben schwer gemacht. Er arbeite bis heute fleiรig, nassforsch und aggressiv โ “gelernt ist gelernt”. In einer rot-roten Regierung kรถnne Kuschel Innenminister werden, fรผrchtet Schenk, “auch wenn Herr Ramelow das ausschlieรt”.
“Ich bin der Herr Sandmann von der SPD”
Mehr als vier Jahrzehnte jรผnger als Schenk ist seine Eisenacher Parteifreundin Heidrun Sachse, sie kandidiert erstmals fรผr den Landtag. Sachse war elf Jahre alt, als die Mauer fiel, und doch weiร die junge, kluge Frau um die Empfindlichkeiten in ihrer Partei. “Herr Ramelow polarisiert”, sagt Sachse, aber noch mehr gelte das fรผr Kuschel und Leukefeld, “die kein selbstkritisches Wort zu ihrer Stasi-Vergangenheit finden”.
Es reiche nicht aus, diese Arbeit fรผr die Stasi zuzugeben. “Die Bitte um Entschuldigung bei den vielen Opfern der Stasi ist das Mindeste, was von diesen Linke-Politikern zu erwarten ist”, sagt Heidrun Sachse. Sie will nicht missverstanden werden, betrachtet auch eine Koalition mit der CDU kritisch. Und doch sind es sehr grundsรคtzliche Worte, mit denen sie die Linken kritisiert: “Kuschel und Leukefeld stehen fรผr das alte System von SED und Stasi. Wir Sozialdemokraten sind gegen dieses System auf die Straรe gegangen und sind froh, dass es รผberwunden ist.” Ramelows Versprechen, seine einstigen Stasi-Leute bekรคmen unter ihm kein Regierungsamt, kรถnne “die SPD nicht zufriedenstellen”.
Plakativ formuliert Stefan Sandmann seinen Protest gegen die Linken. Er wendet sich gegen jede rot-rote Zusammenarbeit. Sandmann, Vorsitzender der SPD in Ilmenau, kandidiert ebenfalls fรผr den Landtag. Als kรผrzlich Linke-Spitzenmann Ramelow auf einer Kundgebung redete, begab sich Sandmann mit einem Transparent unter die Zuhรถrer.
Darauf war zu lesen: “Achtung, Bรผrger! Die Kommunisten wechseln manchmal den Namen, aber nie ihr Ziel: Die Abschaffung unserer Demokratie. Nie wieder SED-Diktatur!” Ob er “lebensmรผde” sei, hรคtten ihn Antifa-Aktivisten gefragt, berichtet der 35-jรคhrige Unternehmensberater. “Ich habe geantwortet, ich sei nicht lebensmรผde, sondern der Herr Sandmann von der SPD!” In dieser Woche, bei einer Rede von Linke-Bundestagsfraktionsvize Sahra Wagenknecht, zog Sandmann wieder mit seinem Transparent los.
Bei so viel internem Widerstand hat es SPD-Spitzenkandidatin Taubert nicht leicht. Wie bloร soll sie nach der Wahl am 14. September agieren? Vor fรผnf Jahren hatte sie sich noch gegen eine rot-rot-grรผne Regierung gewandt, nun lรคsst sie ein solches Modell (auch ohne die Grรผnen) mรถglich erscheinen.
Taubert will Mitglieder befragen
Dabei ist Taubert weit davon entfernt, den “real existierenden Sozialismus” schรถnzureden. Als Neunjรคhrige erlebte sie wรคhrend des Sommerurlaubs 1968 in der Tschechoslowakei die sowjetische Militรคroffensive gegen den Prager Frรผhling. “Die DDR war ein Unrechtsstaat”, sagt Taubert heute. “Dem SED-System weine ich keine Trรคne nach. Meine Familie und ich haben uns รผber das Ende der Mauer und die 1989 gewonnene Freiheit gefreut.”
Ein “konstruktives Miteinander” verbinde sie mit Ministerprรคsidentin Lieberknecht, sagt Sozialministerin Taubert. Zu Ramelow habe sie ein “konstruktives Arbeitsverhรคltnis”. Das klingt nach รquidistanz. Noch. Weiter so mit der CDU โ oder ein Aufbruch zur Linken?
Nach der Wahl werden Taubert und der SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie Farbe bekennen mรผssen. Taubert fasst schon jetzt ein Modell ins Auge, mit dem sie um eine harte Entscheidung herumkommt. Sie will ihre 4500 Parteifreunde konsultieren. “Nach der Wahl sondieren wir gern mit zwei โ oder drei โ Parteien”, sagt Taubert. “Danach sollten wir unsere Mitglieder befragen. Sie sollen entscheiden, in welche Richtung wir gehen.”


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