Der frรผhere CSU-Chef war der Lieblingsfeind der DDR. Er wurde sogar als “Inoffizieller Mitarbeiter mit Arbeitsakte” gefรผhrt. Mit allen Mitteln versuchte die Stasi ihn zu verunglimpfen//
Die Anweisung des “Genossen Minister” ist unmissverstรคndlich: “Die Hauptverwaltung Aufklรคrung X benรถtigt fรผr operative Zwecke die folgenden Materialien: dokumentarische Unterlagen รผber die Militรคr- und Studienzeit von Strauร sowie รผber Hitler- und Bundeswehr-Generale, Offiziere und andere Personen, mit denen Strauร nach 1945 bis heute eng zusammenarbeitete bzw. die mit Strauร, seiner Politik und seinen Machenschaften in Verbindung standen oder stehen.”
So wichtig war Erich Mielke dieser Auftrag, dass der Chef des Ministeriums fรผr Staatssicherheit (MfS) am 1. Juli 1970 auรerdem befahl: “In jedem Falle bin ich รผber den Wert und den Inhalt des Materials zu informieren.”
Die Causa Strauร war also Chefsache. Das ist kein Wunder. Der Bayer Franz Josef Strauร, seinerzeit der eigentliche Oppositionsfรผhrer im Bundestag und von 1978 bis zu seinem Tod 1988 bayerischer Ministerprรคsident, war als Wortfรผhrer der Entspannungskritiker ein Todfeind der DDR. Im Stasi-Deutsch bedeutete “operative Zwecke” nichts anderes, als den CSU-Vorsitzenden zu diffamieren. Dem sich selbst “antifaschistisch” nennenden SED-Regime galt dies als eine “normale” Art der Auseinandersetzung.
Vergangenen Mittwoch hat die Stasiunterlagen-Behรถrde in Berlin erstmals die Eintrรคge von 16 Bundespolitikern in den geheimnisumwitterten “Rosenholz”-Akten verรถffentlicht, der zufรคllig erhaltenen Sicherheitskopie jener Kartei, in der die DDR-Auslandsspionage ihre “Kontaktpersonen” verzeichnet hatte. In der Legislaturperiode 1969 bis 1972 hatte der DDR-Auslandsgeheimdienst Hauptverwaltung Aufklรคrung (HV A) die Akten angelegt. Fรผnf bundesdeutsche Parlamentarier waren der Stasi zu Diensten. Elf, darunter auch der frรผhere Kanzler Willy Brandt und SPD-Fraktionschef Herbert Wehner, hingegen wurden ohne ihr Wissen “abgeschรถpft”.
Strauร war bei der Hauptverwaltung Aufklรคrung unter der Nummer XV / 19816 / 60 als “IM-Vorgang mit Arbeitsakte” registriert. Doch die HV A unterschied nicht zwischen aktiven und abgeschรถpften Personen – alle wurden gleichermaรen als “Inoffizielle Mitarbeiter mit Arbeitsakte” gefรผhrt. Natรผrlich war Strauร nie ein Spitzel der Stasi – diese Erkenntnis ist wenig รผberraschend, wenn man an seinen rabiaten Antikommunismus denkt, der erst an Schรคrfe verlor, als er 1983 einen “Milliardenkredit” westdeutscher Banken an die DDR eingefรคdelt hatte.
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Die jetzt freigegebenen “Rosenholz”-Unterlagen hat die Birthler-Behรถrde ergรคnzt um Papiere aus anderen Teilen der Stasiunterlagen. Sie belegen, wie das Ministerium fรผr Staatssicherheit gegen Franz Josef Strauร gearbeitet hat.
Seine Akte beginnt mit Mielkes Befehl vom 1. Juli 1970. Die nรคchsten 27 Blatt hat die Birthler-Behรถrde nicht verรถffentlicht, sondern erst wieder einen handgeschriebenen “Maรnahmeplan zum Forschungsvorgang “Michel”” – so lautete der Tarnname fรผr die Operation. Der nicht namentlich gezeichnete Entwurf stellte fest: “Das Ziel der Bearbeitung des Vorganges ist einmal die allseitige Aufklรคrung der Person des Strauร’ und dessen Tรคtigkeit in der Zeit des Faschismus.” Dazu zรคhlten fรผr die Stasi seine Mitgliedschaft in NS-Organisationen wie dem “Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps” und dem “NS-Studentenbund” sowie sein Dienst in der Wehrmacht von 1939 bis 1942. “Hier interessieren besonders Einheiten und deren Einsรคtze, Hinweise auf begangene Kriegsverbrechen und seine Verbindung zum US-Geheimdienst.”
Einiges einfallen lieร sich die Stasi, um die Staatsfeinde zu diffamieren. Echte oder angebliche Verbrechen, die Personen รคhnlichen Namens begangen hatten, wurden der Zielperson zugeordnet. Das schlug auch der “Maรnahmeplan” vor. Da ein Leutnant namens Strauร im September 1939 “in der polnischen Ortschaft Kolbuszowa Hรคuser niedergebrannt und polnische Kriegsgefangene bzw. Zivilpersonen ermordet” hatte, versuchte die Stasi, dieses Verbrechen dem CSU-Chef anzuhรคngen. Auch Verbrechen in der Sowjetunion versuchte die Stasi dem Bayer anzuhรคngen: “Ein Leutnant Strauร soll … beim Ausbruch aus dem Kessel von Stalingrad die Erschieรung von 250 sowjetischen Kriegsgefangenen angeordnet haben.”
Mielkes Auftrag ging an die Abteilung IX / 11 der Stasi, das sogenannte NS-Archiv. Die hier beschรคftigten Geheimdienstler verfรผgten รผber Erfahrung mit solchen Auftrรคgen. So hatten sie Materialien zusammengestellt, die in den 60er-Jahren Bundesprรคsidenten Heinrich Lรผbke als “KZ-Baumeister” brandmarken sollten. Da die vorhandenen Unterlagen diesen Vorwurf eben nicht stรผtzten, war so lange “verbessert” worden, bis der erwรผnschte Eindruck entstand.
Auch den einstigen Vertriebenenminister Theodor Oberlรคnder und Adenauers Kanzleramtschef Hans Globke, Mitherausgeber des ersten amtlichen Kommentars zu den Nรผrnberger Rassengesetzen, bekรคmpfte die Stasi. Beide verurteilte die DDR mit manipulierten Dokumenten bei Schauprozessen in Abwesenheit zu lebenslanger Haft.
Am 6. August 1971 meldete Walter Heinitz, der Chef der Hauptabteilung IX, seinem Minister Erich Mielke Vollzug: “Auf der Grundlage des erteilten Auftrages wurden zur Vergangenheit des Franz Joseph Strauร … umfangreiche รberprรผfungen durchgefรผhrt.” Heinitz fรผhrte aus, was seine Mitarbeiter gefunden hatten, und resรผmierte dann: “Diese Materialien sind geeignet, unmittelbar in die von der HV A X geplanten Maรnahmen zur Person Strauร einbezogen zu werden.”
Das war eine wagemutige รbertreibung. Denn die in Strauร’ Vergangenheit schnรผffelnden Stasi-Offiziere hatten eben nichts Belastendes รผber den CSU-Vorsitzenden ans Licht gebracht. Die von Heinitz weitergereichten Unterlagen enthielten nur sehr allgemeine Angaben zu den NS-Organisationen, in denen Strauร unstreitig Mitglied gewesen war. Doch konkrete Hinweise auf seine Beteiligung an Kriegsverbrechen gab es nicht.
In den gerade einmal elf freigegebenen von insgesamt 164 Seiten dieser Anti-Strauร-Akte finden sich keine Hinweise auf die weitere Verwendung des Berichts. In den zahlreichen in der Bundesrepublik verรถffentlichten kritischen Bรผchern รผber ihn, die oft von der DDR bezahlt wurden, spielte die NS-Zeit kaum eine Rolle. Die Diffamierung von Strauร als “Nazi” ist der Stasi misslungen. In anderen Fรคllen hatte die Stasi Erfolg. Nur die Birthler-Behรถrde kann รผber den Umfang aufklรคren, wenn sie die Akten endlich vollstรคndig offenlegt.
http://www.welt.de/print-wams/article145822/Wie_die_Stasi_Strauss_diffamierte.html
