STASI-Mord an Freiheitskämpfer Robert Bialek aufgeklärt

Robert Bialek

Nirgends in Europa war der Kalte Krieg heißer als im Berlin der fünfziger Jahre. Noch trennte keine Mauer den sowjetischen von den drei westlichen Sektoren. Doch gerade weil die Grenze offen war, war der Kontrast zwischen Freiheit und Diktatur besonders leicht zu erkennen – und damit umso gefährlicher für die SED.

So griff die Staatspartei neben Schmähpropaganda zum Beispiel gegen den “Frontstadt-Strategen” Willy Brandt auch zur Entführung von DDR-Kritikern und abtrünnigen Ex-Funktionären. Zwischen 1945 und 1961 sind Hunderte Fälle dokumentiert; die bekanntesten sind die Verschleppung von Walter Linse 1952 und von Karl Wilhelm Fricke 1955. Als “Menschenraub” machte die Praxis der Stasi, unliebsame Köpfe auf Jahre oder für immer verschwinden zu lassen, seinerzeit Schlagzeilen in der westlichen Presse.

Fast alle Fälle sind inzwischen aufgeklärt. Ein besonders prominenter Fall aber blieb bisher ungeklärt: der Verbleib von Robert Bialek, der im Februar 1956 entführt worden war. Jetzt hat ein Mitarbeiter der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen durch Zufall einen Fund gemacht, der dieses Rätsel sehr wahrscheinlich aufklärt – mehr als zehn Jahre nach dem einzigen Prozess gegen einen der Täter.

Bialek war so etwas wie der “ideale Feind” der SED: Eigentlich überzeugter Sozialist, hatte der 1915 geborene Breslauer in der NS-Zeit im Gefängnis gesessen. 1946 war er Mitbegründer und erster Vorsitzender der sächsischen FDJ, bald darauf saß er als Generalinspekteur der “Volkspolizei” an einem Schalthebel der Diktatur. Doch Bialek unterwarf sich nicht Walter Ulbricht, und so wurde er degradiert und 1952 aus der SED ausgeschlossen. Wenig später ging Bialek mit seiner Familie nach West-Berlin. Damit war er für die SED ein “Parteifeind”.

“Schlimmer” noch: Bialek gab der BBC mehrere Interviews, die bis weit nach Ostdeutschland ausgestrahlt wurden. Er berichtete, mit welchen Methoden Ulbricht seine Macht konsolidierte. Als dann ein Jahr später bekannt wurde, dass Bialek unter dem Decknamen “Bruno Wallmann” in West-Berlin für das Ostbüro der SPD arbeitete, war das Maß für die Stasi voll: Seine Entführung wurde vorbereitet.

//

Am 4. Februar 1956 war es soweit: Zwei Spitzel trafen den 40 Jahre alten Bialek in einer Wohnung an der Jenaer Straße (Wilmersdorf) und träufelten ihm K.-o.-Tropfen ins Bier. Bialek merkte, was geschah, und ging auf die Toilette; dort brach er zusammen. Der ahnungslose Hauptmieter der Wohnung fand, als er gegen 21.30 Uhr das Bad benutzen wollte, den vermeintlich betrunkenen Gast seines Untermieters Paul Drzewiecki. Mit seinem Kumpan Herbert Hellwig schleppte Drzewiecki das Opfer zu einem rasch herbei gerufenen Auto. Dann, am 4. Februar 1956 um 21.40 Uhr, verlor sich bisher die Spur von Robert Bialek.

Bei einer Routine-Recherche ist nun der Historiker Peter Erler von der Gedenkstätte Hohenschönhausen auf einen ziemlich eindeutigen Hinweis gestoßen. Er sah bei der Birthler-Behörde die Kladden durch, in denen alle Häftlingszugänge in der zentralen Untersuchungshaftanstalt der Stasi verzeichnet wurden. Dabei stieß Erler zwar nicht auf den Namen Bialek, aber auf einen Eintrag ohne Namen und ohne Geburtsdatum, dafür aber mit einem genauen Einlieferungstermin: 4. Februar 1956, 23 Uhr. Eingeliefert worden war dieser Gefangene, der mit der Nummer 2357 registriert wurde, von der Stasi-Hauptabteilung V, die nachweislich die Entführung geplant hatte.

Noch wichtiger: In der Spalte “Abgang” gibt es ebenfalls keinen Eintrag. Das ist für die komplett erhaltenen Kladden absolut ungewöhnlich. Für Hubertus Knabe, den Direktor der Gedenkstätte, spricht alles dafür, dass es sich bei dem Gefangenen um Bialek handelte. “80 Minuten nach seiner Entführung kommt hier spätabends ein Gefangener an. Zieht man die Fahrtzeit und die Einlasskontrollen ab, ist das exakt der Zeitpunkt, an dem Bialek eingeliefert worden sein muss.”

Da die Kladden streng geheim waren, stehen alle anderen Namen darin. Die nahe liegende Vermutung: Bialek kam bereits als Toter in Hohenschönhausen an oder starb gleich nach seiner Einlieferung. Dass er bald nach seiner Entführung gestorben war, hatte die West-Berliner Justiz stets vermutet. Der Zufallsfund von Peter Erler stützt diese Annahme.

Wikipedia- Info:

Robert Franz Paul Bialek (* 23. Juni 1915 in Breslau; † wahrscheinlich im Frühjahr 1956 in Berlin) war ein deutscher Politiker und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Nach 1945 unter anderem beim Aufbau der DDR-Sicherheitsorgane tätig, flüchtete er 1953 in den Westen und schloss sich der SPD an. DasMinisterium für Staatssicherheit der DDR brachte ihn 1956 in seine Gewalt, wo er unter nicht ganz geklärten Umständen starb.

Leben

Nach dem Abschluss der Mittelschule absolvierte Bialek eine kaufmännische Ausbildung. 1929 trat er in die Sozialistische Arbeiterjugend ein und 1933 in den KJVD und die KPD-O. Nach dem Parteiverbot betätigte er sich in der illegalen politischen Arbeit. 1935 wurde Bialek verhaftet und als Widerstandskämpfer gegen die Nazidiktatur in Breslau zu 6 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe blieb er in „Schutzhaft“, bis ihm 1943 die Flucht gelang. Danach hielt sich Bialek bis zum Kriegsende illegal in Breslau auf. Dort wurde er Mitte Mai 1945 Zivilbevollmächtigter und Berater der Kommandantur in zivilen deutschen Angelegenheiten.[1]

Im Juli 1945 kam er als Vertriebener nach Sachsen und traf am 20. Juli 1945 in Dresden ein.[2] Er wurde Bezirksjugendsekretär der KPD und Sächsischer Landesjugendleiter.[3] In dieser Funktion kam er mit Erich Honecker in Kontakt, dem Vorsitzenden des Zentralen Jugendausschusses für die Sowjetische Besatzungszone, einem Vorläufer der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Honecker und Bialek trafen sich erstmalig im Oktober 1945.[4] Bialek wurde im April 1946 in die Provisorische Leitung der FDJ gewählt. Gleichzeitig wurde er 1. Vorsitzender der FDJ in Sachsen. Durch diese Funktion war er auch bis 1948 Abgeordneter desSächsischen Landtags. Im Oktober 1946 wurde Bialek auf dem 1. Parlament der FDJ in deren Zentralrat gewählt. Darüber hinaus war er in den Jahren 1946 und 1947 Sekretär der SED-Landesleitung Sachsen.

Im Herbst 1947 wurde Bialek zu einem Halbjahreslehrgang an die Parteihochschule Karl Marx nach Klein-Machnow delegiert. Hier begegnete er Wolfgang Leonhard und Hermann Weber. Danach wurde erGeneralinspekteur der Deutschen Volkspolizei bei der Deutschen Verwaltung des Innern (DVdI), der Vorläuferin des Innenministeriums der DDR. Seine direkten Vorgesetzten waren Kurt Fischer und Erich Mielke.[5]Da es nicht im ausreichenden Maße gelang, antifaschistische und militärisch gut ausgebildete Kader für die neu aufzustellenden bewaffneten Organe zu finden, verpflichtete man auch Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und ehemalige Mitglieder von NS-Organisationen wie HitlerjugendNSVOrganisation Todt und Bund Deutscher Mädel. Bialek kritisierte wiederholt in Berichten die Rekrutierungsmethoden und die Gesinnung vieler verpflichteter Polizisten. Er kam weder mit Erich Mielke noch mit Kurt Fischer zurecht. Die wiederholten Konflikte gipfelten in einem konfliktreichen Gespräch mit Walter Ulbricht. Bialek reichte daraufhin am 15. Oktober 1948 seine Kündigung ein und trat vom Posten des Politkulturkommisars zurück.[6] Vermutlich kam er damit seiner Entlassung zuvor. Er wurde zur Bewährung nach Großenhaingeschickt. Dort wurde er zunächst am 18. Januar 1949 1. Sekretär der SED-Kreisleitung. In Großenhain lernte er auch Inge Fritsche kennen, welche er am 27. Januar 1951 heiratete.[7] Nach erneuten Differenzen wurde Bialek Kulturdirektor im VEB Lokomotiv- und Waggonbau in Bautzen. Bialeks Degradierungen führten 1952 zu einer ernsten Auseinandersetzung mit Walter Ulbricht, die mit seinem Parteiausschluss alsParteifeind und Verräter endete.

Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 floh er nach Westberlin, welches er am 27. August 1953 betrat. Seine Frau und die junge, am 7. Mai 1952 geborene Tochter Dagmar, waren bereits in Köln die Familie von Inge Bialek besuchen.[8] Er wurde Mitglied der SPD, Mitarbeiter von deren Ostbüro und BBC-Korrespondent. Infolge seiner tatsachengetreuen Reportagen über den Aufstand und das Leben in der DDR, die regelmäßig ausgestrahlt wurden, galt Bialek in der DDR als Staatsfeind. Die Sendung war so populär in der damaligen DDR und kritisierte die Bedingungen in der DDR inhaltlich so fundiert, dass über Radio Moskauauf die Sendereihe “Grundschule des Marxismus”, wo Bialek durch Stewart Thomson interviewt wurde, eine Antwort durch Eugen Varga senden ließ.[9]

Wichtig für Bialek war eine Reise nach Großbritannien auf Einladung des britischen Aussenministeriums. Er trat die Reise gemeinsam mit seiner Frau an und war vom 09. bis zum 30. Januar 1955 in England. Besonders wichtig war ihm, dass er dort seinen Brieffreund Erich Fried persönlich treffen konnte. Außerdem organisierte das Central Office of Information im Auftrag des britischen Aussenministeriums und in Abstimmung mit der BBC eine Informationsreise, durch die Bialek und seine Frau das britische Gesellschaftsmodell, soziale Einrichtungen und Betriebe kennenlernen sollten. Als Betreuer und Dolmetscher für beide diente der damalige BBC-Mitarbeiter Fritz Beer. Vieles von dem in Großbritannien erlebten floss später auch in die BBC-Sendungen Bialeks ein. So konnten die Arbeiter in der DDR ein reales Bild von der Lebenslage der Arbeiter in Großbritannien bekommen.[10] Nach der Rückkehr nach Westberlin arbeitet Bialek nicht mehr nur für den BBC sondern schreib zahlreiche Artikel und Beiträge für das Ostbüro der SPD.[11]

Am 4. Februar 1956 wurde er um 21.40 Uhr auf einer fingierten Geburtstagsfeier von den MfS-Agenten Herbert Hellwig und Paul Drzewiecki mittels Betäubung entführt und mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit um 23.00 Uhr in das Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Die Entführung und der Mord an dem damals hochrangigsten und populären Flüchtling aus der DDR wurde durch die Presse vielfach bekannt gemacht und war häufig Titelthema. Damit verlieren sich seine Spuren.[12] Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Bialek, nachdem er offiziell längst für tot erklärt worden war, erst im Spätherbst 1956 in derJustizvollzugsanstalt Bautzen an den Folgen monatelanger Folter starb.[13] Dies gilt allerdings als wenig wahrscheinlich.[14]

http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Bialek