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Publizist von China-STASI entführt und gefoltert


Seit Monaten gibt das Verschwinden von fünf Buchhändlern aus Hongkong große Rätsel auf. Denn: Sie alle stehen in Verbindung mit einer neuen, kritischen Biografie über Chinas Präsidenten Xi Jinping.
Einer der verschleppten Buchhändler hat nun nach seiner Rückkehr ausgepackt – und schwere Vorwürfe gegen Chinas Behörden erhoben.Auf einer Pressekonferenz in Hongkong gab Lam Wing-Kee an, er sei im vergangenen Oktober nach einer Überquerung der Grenze in der chinesischen Hafenstadt Shenzhen von Beamten festgenommen und mit verbundenen Augen in einem Zug in die Stadt Ningbo in der Nähe von Shanghai gebracht worden.

Statt mit den chinesischen Behörden zusammen zu arbeiten und die Namen kritischer Autoren zu verraten, beschloss er, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen

Wurde von den chinesischen Behörden dazu gezwungen, die Namen kritischer Autoren zu verraten: Lam Wing-kee
Foto: AP/dpa

Dort hätten ihn Beamte fünf Monate festgehalten und nach der Identität von Autoren ausgefragt, die Bücher in dem Verlag veröffentlicht hatten, für den Lam arbeitete.

Der Verlag mit dem Namen „Mighty Current“ hatte Bücher vertrieben, die für ihre Gerüchte über Chinas politische Führer bekannt waren und auf dem chinesischen Festland verboten sind. Zuletzt soll an einem Buch über das Liebesleben des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping gearbeitet worden sein.

Neben Lam waren im vergangenen Jahr innerhalb kurzer Zeit auch vier seiner Kollegen verwunden, was den Verdacht geweckt hatte, dass sie von Agenten entführt und in China unter Druck gesetzt worden sind.

► Lui Bo, Manager des Verlages, entführt am 15. Oktober 2015 in Shenzhen, im März 2016 zurückgekehrt

► Cheung Jiping, Manager des Verlages, entführt am 15. Oktober 2016 in Dongguan, im März 2016 zurückgekehrt

► Lee Bo, Anteilseigner des Verlages, am 30. Dezember 2015 nach eigenen Angaben in Hongkong, laut chinesischen Behörden auf Gebiet der Volksrepublik entführt, zurückgekehrt im März 2016

Alle Männer wurden später von den chinesischen Behörden dazu gezwungen, öffentlich zu gestehen, an einem „illegalen Buchhändlerring“ beteiligt gewesen zu sein.

Gui Minhai, einer der Verleger aus Hongkong, ist noch immer verschwunden
Gui Minhai, einer der Verleger aus Hongkong, ist noch immer verschwunden

Gui Minhai, einer der Verleger aus Hongkong, ist noch immer verschwunden
Foto: CCTV/AFP

► Noch immer verschwunden ist einer der Besitzer des Verlages: Gui Minhai verschwand am 17. Oktober 2015 in Thailand – und tauchte im chinesischen Staatsfernsehen wieder auf.

Bei einem scheinbar erzwungenen Geständnis sagte Gui im Januar 2016 vor laufenden Kameras, er hätte 2003 bei einem Autounfall in der chinesischen Stadt Ningbo Fahrerflucht begangen und sich nun freiwillig den chinesischen Behörden gestellt.

Pikant: Gui Minhai ist schwedischer Staatsbürger, weshalb Beamte des skandinavischen Landes bereits in Thailand sein ungewöhnliches Verschwinden im Oktober untersucht hatten.

Bei seinem absurden TV-Geständnis bat Gui im Januar dann: „Obwohl ich Schwede bin, fühle ich mich noch immer wie ein Chinese und sehe meine Wurzeln in China. Deshalb hoffe ich, dass die schwedische Seite meine persönliche Entscheidung, Rechte und Privatsphäre respektiert und mich selbst meine eigenen Probleme lösen lässt.“

Klartext: Mischt euch auf diplomatischer Ebene nicht ein und kommt den chinesischen Behörden nicht in die Quere.

Aber ob dieser Text tatsächlich von Gui selbst stammt, steht zu bezweifeln.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verurteilte am Freitag das Vorgehen der chinesischen Behörden scharf. Lam habe ihre Lügengeschichten in sich zusammenfallen lassen.

„Er hat offenbart, was viele schon von vornherein vermutet hatten: Es war eine durchgeplante Operation der chinesischen Behörden gegen die Buchhändler“, teilte die Organisation mit.

Die Affäre hat unter den sieben Millionen Hongkongern große Sorgen über die Bürgerrechte und Meinungsfreiheit in der vormaligen britischen Kronkolonie ausgelöst.

► Seit der Rückgabe 1997 an China wird Hongkong nach dem Grundsatz „ein Land, zwei Systeme“ in eigenen Grenzen eigenständig regiert. Chinesische Staatsorgane dürfen in der Hafenmetropole nicht tätig werden.

Drei der Buchhändler, die bereits vor Lam nach Hongkong zurückgekehrt waren, hatten die Polizei gebeten, die Ermittlungen wegen ihres Verschwindens einzustellen – vermutlich auf Geheiß der chinesischen Behörden und aus Angst, erneut entführt zu werden.

Auch Lam gab an, dass er aufgefordert worden sei, in Hongkong Entwarnung zu geben. Zurückkehren durfte er demnach nur unter der Voraussetzung, dass er eine Festplatte mit Kundendaten seines Verlages aushändigt.

Statt dies zu tun, ging der mutige Buchhändler nun an die Öffentlichkeit: „Es hat mich viel Mut und zwei schlaflose Nächte gekostet. Aber ich habe beschlossen, mit Ihnen die ganze Geschichte zu teilen.“