Fülle von STASI-Spitzeln unfassbar

Der ehemalige Rat des Bezirkes in Magdeburg.

 

Der erste Band über das Forschungsthema “Der Rat des Bezirkes Magdeburg und das MfS” (erschienen 2013) befasste sich mit den Vorsitzenden des Rates, wobei nachgewiesen wurde, dass sich zum Beispiel der letzte Ratsvorsitzende sogar zweimal als Stasi-Spitzel verpflichtet hatte und der Geheimpolizei alle Türen und Möglichkeiten offenhielt. Im Band 2 wird damit begonnen, Mitarbeiter einzelner Bereiche, unabhängig von ihrer Dienststellung, unter die Lupe zu nehmen.

“Das Erschütternde an der Sache ist”, sagt Autor  Ulrich Mielke, der in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationszentrum des Bürgerkomitees Magdeburg die Stasi-Akten auswertet, “dass wir die Aufarbeitung der Stasi-Verstrickungen im Rat des Bezirkes völlig unterschätzt haben.” Gedacht worden sei an zwei Bände. Aber schon jetzt lägen die Akten von mindestens 200 IM vor. “Die Fülle von Stasi-Spitzeln ist unfassbar”, so der 75-Jährige, der vor mehr als 20 Jahren mit der Stasi-Aufarbeitung im Gesundheits- und Sozialwesen des Bezirkes Magdeburg begonnen und darüber schon 20 Bände veröffentlicht hat.

Mielke enttarnte Spitzel Harry Richter
Im Rat des Bezirkes konnte kein Mitarbeiter selbst vor den engsten Kollegen sicher sein. Ein Beispiel dafür war der letzte 1. Stellvertreter des Vorsitzenden, der als IM “Rolf Berger” zwischen 1972 und 1989 ein fleißiger Spitzel war, auch nicht vor seinem Chef halt machte. Ab 1985 berichtete er mehrfach über den Ratsvorsitzenden an das MfS, der ja, siehe oben, als IM “Hans Richter” selbst eine Spitzelkarriere hinter sich hatte.

Auf der Grundlage der Stasi-Akten aus der Außenstelle Magdeburg der Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) dokumentiert Mielke das Wirken von 32 Informanten und enttarnt auch den Führungs-IM “Harry Richter”, der mehrere IM im Rat führte, aber während seiner Tätigkeit dort nicht beschäftigt war.

Zu den Spitzeln gehörte IM “Dieter Albrecht”, der 31 Jahre für das MfS bis Ende 1989 “diszipliniert und verantwortungsbewusst” über Kollegen berichtete. Der IM “Alge” zeigte ebenfalls keinerlei Zurückhaltung bei Auskünften über Kollegen. Zu seinem ständigen Auftrag gehörte die Beschaffung von Schreibmaschinenvergleichsmustern aus dem Rat. IM “Friedrich” spitzelte 29 Jahre in “unterschiedlicher Intensität” und wurde dafür mit dem Vaterländischen Verdienstorden ausgezeichnet. IM “Paula” war Kaderleiter im Rat und wurde in dieser Schlüsselfunktion “zur Absicherung des Bereiches sowie anstehender Kaderprobleme” genutzt. Auch er stand 30 Jahre lang auf der Liste der Stasi.

Tarnung als Rat des Bezirkes
Mit seiner Forschungsarbeit enttarnt Mielke zum einen namentlich die inoffiziellen Zuträger. Zum anderen macht er deutlich, wie der Rat des Bezirkes, also die gewählte Bezirksregierung, durchdrungen war von hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS, die entweder als Offiziere im besonderen Einsatz (OibE) tätig waren oder mit einem Angestelltenposten versorgt wurden. Dazu zählte der Führungs-IM “Werner Lorenz”.

Nach zehnjähriger Arbeit als MfS-Angehöriger war er als Hauptmann aus disziplinarischen Gründen entpflichtet und als Beauftragter für die Zivilverteidigung (ZV) im Bereich Volksbildung installiert worden. Er führte 20 IM und kassierte dafür zwischen 1983 und 1987 neben seinem Gehalt rund 22.000 Mark. 1986 wurde der gelernte Gärtner sogar zum Studienrat ernannt. Mielke: “Welch ein Aberwitz.” Die Stasi-Offiziere erhielten Ausweispapiere, die sie als Angehörige des Rates des Bezirkes auswiesen. So wurde bei bestimmten Einsätzen ihre MfS-Zugehörigkeit verschleiert.

IM “Günther Schröder” arbeitete von 1971 bis 1976 hauptamtlich für das MfS und war vorrangig als “Werber” in Westdeutschland eingesetzt. Als dort wahrscheinlich die Spionageabwehr auf ihn aufmerksam wurde, ging seine Spionagetätigkeit zu Ende. Er wurde vom MfS entpflichtet und als Leiter des Bereichs Internationale Beziehungen im Rat des Bezirkes eingesetzt, wo er weiter für die Stasi inoffiziell tätig war. Da er als Spion mehr verdient hatte, zahlte das MfS ihm monatlich einen Ausgleich zum Gehalt von 200 Mark.

Fanatischer Stasi-Offizier Ralf Ludwig
Unter den IM spielte “Ralf Ludwig” eine besondere Rolle. Er war von 1976 bis 1981 Kaderinstrukteur im Rat des Bezirkes und galt für die Stasi als “äußerst zuverlässiger inoffizieller Mitarbeiter”. Deshalb wurde er hauptamtlicher MfS-Offizier.

Für Mielke schließt sich mit ihm ein Kreis, denn als Führungsoffizier war der 1947 geborene Hauptmann für die Medizinische Akademie zuständig. “Für die MAM war er ein gefährlicher, fanatischer Stasi-Offizier”, schreibt Mielke. “Es besteht der Verdacht, dass er mutmaßlich Ende 1989 eifrig Akten vernichtete.”