Methode KGB: Die gefälschte Putin-Biographie verursacht Dutzende tote Journalisten

 

Während des Zweiten Weltkriegs, als Leningrad von den Deutschen belagert wurde, erkrankte die Mutter von Wladimir Putin. Sanitäter wollten sie mitnehmen – nicht um sie ins Krankenhaus zu bringen, sondern weil sie glaubten, dass sie bald tot sein werde. Doch Putins Vater hielt die Sanitäter auf, er pflegte seine Frau, bis sie gesund war. “Sie lebte bis zum Jahr 1999. Er verstarb Ende 1998”, schreibt der russische Präsident in einem Artikel, der  in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” erschien.

 

Eine 1926 geborene Georgierin namens Vera Putina, behauptet die Mutter von Wladimir Putin zu sein. Ihr “Wowa”, wie sie den Jungen nannte, sei am 7. Oktober 1950 zur Welt gekommen, unehelich – der Vater des Kindes war bereits verheiratet und lernte seinen Sohn nie kennen.

Als Vera Putina ein paar Jahre später selbst heiratete, fingen die Probleme an: Ihr Mann akzeptierte seinen Stiefsohn nicht, “Wowa” wuchs daher bei seinen Großeltern auf. Mit neun Jahren gaben die ihn ebenfalls weiter, an ein kinderloses Paar, mit dem sie entfernt verwandt waren: Wladimir Spiridonowitsch Putin und Maria Iwanowna Putina. Offiziell sind diese beiden Putins leibliche Eltern. Laut Vera Putina zogen die beiden mit dem Jungen nach Leningrad, meldeten ihn bei den Behörden an und ließen dabei seine Geburtsurkunde ändern.

Diese Geschichte ist bereits 15 Jahre alt, Vera Putina hat sie im Januar 2000 einem Tschetschenen namens Rustam Daudow erzählt, der damals in der tschetschenischen Repräsentanz in Tiflis arbeitete. Ein russischer Journalist, dem Daudow das Video mit Putinas Aussage übergeben wollte, starb auf dem Weg nach Tiflis – sein Flugzeug stürzte im März 2000 nach dem Start in Moskau ab. Ein italienischer Journalist, dem Daudow eine Kopie seiner Videoaufnahmen gab, wurde im Oktober 2000 ermordet. Drei Jahre später wurde in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ein Rustam Daudow erschossen – ein anderer Daudow, ein Namensvetter.

Wie anfangs bereits erwähnt, nahm der Tschetschene Rustam Daudow Kontakt zu Vera Putina auf. Mehrmals reiste er zu ihr und filmte ihre Aussagen. Immer wieder versuchte er das Video an die Öffentlichkeit zu bringen. Immer wieder konnte eine große Berichterstattung verhindert werden:

Im März 2000 verunglückte der Investigativ-Reporter Artjom Borowik auf mysteriöse Weise in einem Flugzeug. Er war auf dem Weg nach Tiflis, um sich mit Daudow zu treffen und das Video anzusehen.

Im selben Monat bot Daudow die Story der großen Tageszeitung „Türkiye“ und an einem türkischen Fernsehsender an. Seine Hoffnung: Käme die Geschichte im Ausland groß raus, würde auch endlich die russische Presse mit der Berichterstattung beginnen. Sofort nach dem Abdruck, so erzählt es Daudow, versuchte die russische Botschaft in Istanbul die Sendung zu verhindern. Sollte die Nachricht im Fernsehen laufen, würde das Großprojekt zur Gaspipeline „Blue Stream“ abgesagt, sollen die Diplomaten gedroht haben. Der Beitrag wurde nicht gezeigt. Putin gewann die Präsidenten-Wahl.

Am 15. Oktober 2000 traf der italienische Kriegsreporter Antonio Russo Daudow, bekam von ihm eine Kopie des Videos. Einen Tag später wurde seine Leiche gefunden, sein Tod wurde nie richtig aufgeklärt. Sein Computer und die Videokassette wurden aus seinem Hotelzimmer entwendet. Zwei italienische Ermittler wurden unter Einmischung des russischen Geheimdienstes kurz nach ihrer Ankunft in Georgien wieder ausgewiesen. Die zwei georgischen Polizisten, die den Fall Russo untersuchten, starben unter seltsamen Umständen (Selbstmord und Vergiftung).

Im September 2003 kam Daudow selbst ins Visier der Ermittler. Das russische Fernsehen zeigte sein Foto und berichtete, er wäre bei einem Raubmord getötet worden. Doch Daudow war am Leben! Vermutlich, so sagte er der „Zeit“ später im Interview, wurde ein Namensvetter ermordet. Nach diesem Vorfall halfen die Vereinten Nationen ihm und seiner Familie, aus Georgien auszureisen und eine Aufenthaltsgenehmigung im Ausland zu bekommen. Heute lebt Daudow im Westen, will aus Sicherheitsheitsgründen anonym bleiben.

Die Morde sind nicht die einzigen Merkwürdigkeiten. Im Februar fuhr Dobbert selbst nach Metechi, das Dorf nahe Tiflis, in dem Vera Putina noch immer lebt. Eine ihrer Töchter verhinderte, dass der deutsche Journalist mit ihr sprach. “Sie darf nichts mehr erzählen. Man hat ihr verboten, mit Journalisten zu sprechen”, sagte die Frau, die Putins Halbschwester sein könnte. Das russisch-georgische Verhältnis ist angespannt: 2008 führten die beiden Länder Krieg, Russland unterstützt zudem die abtrünnigen Landesteile Abchasien und Südossetien.

Vor ein paar Jahren seien zwei Männer und zwei Frauen gekommen und hätten ihrer Mutter Blut abgenommen, erzählte die Tochter von Vera Putina. Sie ist sicher, dass diese Leute vom russischen Geheimdienst kamen. Gehört haben sie nie wieder von ihnen. Auch ohne Bluttest ist sie überzeugt, dass die Geschichte ihrer Mutter stimmt. “Niemand hier zweifelt daran, dass Wladimir Putin der Sohn unserer Mutter ist.”