STASI-Spitzenspion, Waffennarr und MÖRDER

 

Im Sommer 1967 erschoss der Polizist Karl-Heinz Kurras bei einer Demonstration in West-Berlin den Studenten Benno Ohnesorg. Die Tat gilt als Mitauslöser der 68er-Revolte. Kurras blieb ein freier Mann – auch, als viele Jahre später seine Stasi-Tätigkeit herauskam. Nun wurde bekannt, dass er bereits vor Weihnachten gestorben ist. Ein Mann, der immer noch viele Rätsel aufgibt. Von Sabrina Wendling

Karl-Heinz Kurras hatte zwei Identitäten. Einmal Karl-Heinz Kurras, der West-Berliner Polizist, der im Juni 1967 am Rande einer Demonstration den Studenten Benno Ohnesorg erschoss. Und einmal Otto Bohl, wie sich Kurras als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit nannte. Ein Doppelleben, das viel aussagt über einen zerrissenen und auch rätselhaften Mann, über den bis heute in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt ist. Denn über seine Stasi-Vergangenheit wollte er nicht sprechen.

Ein komplizierter Mensch

Vor allem eines weiß man über ihn: Dass er Waffen liebte. Bei einer Polizeidurchsuchung 2009 wurden in seiner Wohnung ein Trommelrevolver, ein Totschläger und eine Menge Munition gefunden. Spiegel-Journalist Peter Wensierski hat sich bei seinen Recherchen zum getöteten Studenten Benno Ohnesorg auch ausführlich mit Karl-Heinz Kurras befasst. Er berichtet von einem komplizierten Menschen, der als junger Mann in den Krieg zog: “Kurras war mit 17, 18 an der Ostfront. Er hat eine Begeisterung für das Schießen aus dem Krieg mitgebracht.” Auch nach dem Krieg ging er jeden fast jeden Sonntag auf den Schießplatz. Ein Waffennarr, sagt Wensierski: “Er hat seinen Agentenlohn der Stasi – 400 oder 500 Mark monatlich, viel Geld damals – für das Schießen ausgegeben.”

Kurras sei ein Mann gewesen, so Wensierski, der seine Kriegserlebnisse nicht aufgearbeitet habe, der stets bemüht gewesen sei, eine Fassade aufrecht zu erhalten – besonders schwierig angesichts seiner Doppelfunktion als Polizist und Stasi-Agent. “Nichts stimmte eigentlich an ihm, aber die Fassade musste stimmen. Alles, was das durcheinander brachte, diese chaotischen Studenten – er war wie alle anderen Polizisten an diesem Tag voller Hass, denke ich.” Kurras habe gesagt, dass er auf alles “scheiße”, was sich ihm in den Weg stelle. Laut Wensierski eine Person, die die Gewalt des Krieges, die Nichtaufarbeitung der Erlebnisse mit diesem Schuss auf Ohnesorg weitergegeben hat.

Diese Unberechenbarkeit und seine Affinität zu Waffen waren der Grund, dass der Stasi-Wissenschaftler Helmut Müller-Enbergs Kurras nie persönlich aufsuchte. Müller-Enbergs arbeitet für die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin. Er deckte 2009 gemeinsam mit einer Kollegin auf, dass Kurras für die Stasi spioniert hatte. Ein Fund, der ihm den Boden unter den Füßen wegzog. “Ich bin vom Stuhl gefallen. So etwas hatte ich noch nie auf meinem Schreibtisch liegen.”

Ausgeprochen eifrig im Dienst der Stasi

Aus den Akten ging hervor, dass Kurras sich bereits 1955 als Stasi-Mitarbeiter verpflichtet hatte. In Eigeninitiative. Helmut Müller-Enbergs fand heraus, dass Kurras ausgesprochen diensteifrig war. Er habe über alles berichtet, was ihm unterkam – eine Spitzenquelle, vergleichbar mit “Topas” (alias Rainer Rupp) in der Nato, mit “Gisela” (Gabriele Gast) oder “Paul” (Heinz Felfe) beim BND, so Müller-Enbergs.

Für die Staatssicherheit war Kurras wertvoll, weil er zuverlässig interne Informationen der West-Berliner Polizei weitergab. Nach dem Tod Benno Ohnesorgs fürchtete die Stasi, die Aufklärung des Todesfalls in den späten sechziger Jahren könne Kurras als Spitzel enttarnen. Das geschah jedoch nicht bis zum Jahr 2009, als Helmut Müller-Enbergs und seine Kollegin zufällig auf die Akte des Inoffiziellen Mitarbeiters Otto Bohl stießen.

Kurras wurde nie der fahrlässigen Tötung oder gar des Mordes schuldig gesprochen – 1971 wurde er vor Gericht freigesprochen, 2011 wurde ein neues Verfahren gegen ihn eingestellt. Aus Mangel an Beweisen.