Enthüllt – Stasi-Akte IM Melanie Im Bett mit Erich Mielke

Wo Ausländer in der DDR Frauenkontakte suchten, lag am Ende meist das MfS mit im Bett.

(BILD: IMAGO)

Das älteste Gewerbe der Welt war in der DDR auf ganz andere Weise lukrativ als im Westen. Und die Stasi lag fast immer mit unter der Decke. In DDR-Bars jagten junge Frauen im Auftrag des MfS nach westlichen Gästen.

HALLE (SAALE). 

Das Mädchen wird an einem Sommerabend aufgegriffen, mitten in der Innenstadt von Halle. Zwei Polizisten bemerken ein Pärchen in einem Auto, routinemäßig werden die Papiere kontrolliert. Das Mädchen, gerade 18 Jahre alt, stammt aus Halle. Der Mann, mit dem sie zusammen ist, hat einen jugoslawischen Pass.

Nichts Kriminelles, keine Straftat weit und breit. Doch die Staatssicherheit, die die eingehenden Meldungen der Polizei routinemäßig prüft, sieht hier das, was sie einen „Ansatzpunkt“ nennt. Die 18-Jährige ist bereits zweimal zuvor in Gesellschaft von Personen angetroffen worden, die in der sogenannten Reisedatenbank der Abteilung VI des Ministeriums für Staatssicherheit erfasst sind. „Sie ist westlich eingestellt und verherrlicht die westliche Lebensweise“, vermerkt die Akte. Keine Kritik, sondern ein Grund mehr für Leutnant Horst Frauendorf, die junge Frau an ihrem Arbeitsplatz in einem großen Kaufhaus zu kontaktieren. Das Ziel ist, so steht es in der Akte, das lebensfrohe Mädchen als Inoffizielle Mitarbeiterin zu gewinnen, um ihre Verbindungen ins „Jugomilieu“ (MfS) zur Überwachung der in der DDR beschäftigten Arbeiter aus dem wegen seiner Alleingänge misstrauisch beäugten Bruderland zu nutzen.

Menschen weichkochen

Die Frau lehne „kategorisch ab“, notiert Frauendorf nach dem ersten Treff. Aber das MfS hat Methoden, Menschen weichzukochen. Allein die Angst, immer wieder kontaktiert zu werden, ändert die Ansicht der Hallenserin. Aus „politischer Überzeugung“, so steht es in der Akte, die das MfS unter dem Namen „IM Melanie“ führen wird, willige sie ein, Ausländer aus dem nicht-sozialistischen Ausland und Jugoslawien im Auge zu behalten.

IM Melanie ist nicht allein. Gerade die wenigen Ausländer, die sich zumeist aus beruflichen Gründen in der DDR aufhalten, gelten der Staatssicherheit als Gefahrenquelle. Nicht von ungefähr, wie die Unterlagen zeigen, die jetzt in der Außenstelle der Jahn-Behörde in Halle aufgetaucht sind: Mal singen bundesdeutsche Monteure „nach 22.20 Uhr faschistische Lieder“ wie ein IM Rose aus der Clubgaststätte in Halle-Süd berichtet. Mal versuchen harmlos wirkende Bauarbeiter in Schkopau die „Infiltration mit dem Gedankengut staatsmonopolistischer Herrschaftskreise“. Mal schmuggeln Ungarn hochwertige Konsumgüter ein, mal werden bei Jugoslawen „westliche Drogen in größerer Menge“ entdeckt.

Neben Kellnern, Kneipern und Hotelmitarbeitern, die für die Stasi versuchen, „den wahren Grund des Aufenthaltes“ von Bauarbeitern, Handlungsreisenden oder Wissenschaftlern aus dem Westen festzustellen, sind es vor allem junge Frauen wie Melanie, die gleichaltrige Anna und die etwas ältere Lisa, die für die Staatssicherheit interessant sind. Sie alle verkehren Mitte der 80er Jahre in einem sinnenfrohen Milieu aus Nachtbars und Kneipen in der Chemiearbeiterstadt Halle, immer auf der Suche nach dem schnellen Spaß, aber auch nach der großen Liebe. Es ist keine Prostitution im landläufigen Sinne, was die Mädchen betreiben. Zwar fahren sie normalerweise trotzdem zweimal im Jahr zur Leipziger Messe hinüber, wo ausländische Besucher 200 Westmark für „einmal GV“ zahlen, wie es in den Stasi-Akten heißt. Aber auch zwischen heimischen Adressen wie dem „Tusculum“, dem „Scirocco“ und der Panorama-Bar gibt es Westgeld-Präsente von Holländern, Bulgaren und Libyern.

Weg in den Westen

Wer richtig Glück hat, findet sogar einen Jugoslawen, der ihn heiratet. Das ist, zum Leidwesen des inzwischen zum Hauptmann beförderten Frauendorf, ein unwiderstehlicher Weg in den Westen. Dorthin dürfen jugoslawische Staatsbürger frei reisen. Heiraten sie eine DDR-Bürgerin, darf die mit rüber – und ist sie erst im Westen, wird sie zur Bundesbürgerin. Was ihrem jugoslawischen Mann automatisch ein Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik verschafft. Eine Win-Win-Aktion für beide Seiten, gegen die die Stasi vergebens nach einem Mittel sucht. Zehntausend Mark zahlen jugoslawische Männer für eine solche Scheinehe. Zwei Schachteln Zigaretten zu acht Mark gibt es pro Treff mit dem Führungsoffizier für die Frauen, die rechtzeitig vorwarnen sollen, wenn Bekannte aus dem Bereich „operativ bedeutsame NSW-Einreisende“ verdächtige Bemerkungen machen.

Die Akten sind ein Abgrund an Lügen, Schmeichelei und Notwehr, aufgeschrieben in konspirativen Wohnungen, die „Peter“ heißen. Hier sitzen MfS-Offiziere wie Frauendorf oder sein Kollege Hoffmann aller zwei Wochen mit ihren „Jugonutten“ (MfS-Akte) zusammen, um Ausländer in der DDR gemäß einer zentralen Planungsvorgabe von Minister Erich Mielke „unter operativer Kontrolle“ zu halten und „operativ zu bearbeiten“. Aufgeschrieben wird alles, was IM Melanie nur einfällt: Mal geht es um geschmuggelte Autoteile, mal um mutmaßlich demnächst einlaufende Ausreiseanträge, mal um Gerüchte über Aids-Fälle im Bezirk Halle und mal um den Wunsch, das MfS möge bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz in der Gastronomie helfen. Tut es, gern sogar, denn Bars und bestimmte Kneipen gelten nicht nur den jungen Frauen als bestes Jagdgebiet, sondern auch ihren Führungsoffizieren. Hier treffen die einsamen Monteursherzen die keinem Abenteuer abgeneigten Mädchen, die sich nach Parfüm, Jeans und Quarzuhren aus dem Intershop sehnen.

Realität holt gelogene Dementi ein

Stasi-Chef Erich Mielke liegt meist mit im Bett, wie die Akten verraten. Mehrfach äußern Anna und Melanie den Verdacht, andere Stammbesucherinnen der einschlägigen Treffs arbeiteten für das MfS. Eine schwierige Situation für Frauendorf und Hoffmann, die es ja genau wissen, nun aber glaubwürdig dementieren müssen.

Im Fall von IM Melanie, die nach mehreren Lektionen mit „fachlich-tschekistischen Grundkenntnissen“ (MfS) ausgestattet ist und eine „positiv-operative Entwicklung“ nimmt, holt die Realität das gelogene Dementi ein. Schon im Frühjahr 1987 äußert die 20-Jährige, sie habe eine „allgemeine Unlust an der Zusammenarbeit“ mit dem MfS. Hoffmann greift noch einmal in die Kasse und spendiert für 54,10 Mark ein Geburtstagsgeschenk – Kosmetikartikel aus der Jugendmode. IM Melanie aber ist verloren. Noch im Sommer schließt die Staatssicherheit ihre Akte