STASI-Spitzel von Gier und Sex-Sucht getrieben – wie z.B. “GoMoPa”

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Mielkes Mitarbeiter in Schöneberg: Ein Buch erzählt die Geschichten der Stasi-Spitzel im alten West-Berliner Bezirk. Allein dort waren rund 200 Zuträger für das Ministerium für Staatssicherheit tätig.

Von Hans H. Nibbrig

Foto: Müller-Enbergs

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Ausgespäht: Zu diesem Telefontechniker im Rathaus Schöneberg unterhielt Spionin „Lara“ enge Kontakte. Das machte sie für das MfS zu einer „perspektivvollen inoffiziellen Mitarbeiterin“<br />

Ausgespäht: Zu diesem Telefontechniker im Rathaus Schöneberg unterhielt Spionin “Lara” enge Kontakte. Das machte sie für das MfS zu einer “perspektivvollen inoffiziellen Mitarbeiterin”

Wachmann “Anton” und Bäcker “Bady” haben es aus Liebe getan, Feinmechaniker “Herbert” eher aus enttäuschter Liebe. Pferdepfleger “Guido” und Friseurin “Lara” ging es nur ums Geld, Student “Abdul” trieb seine politische Gesinnung und Antiquitätenhändler “Otto” war unter Zwang tätig. Sie alle lebten vor dem Fall der Mauer in Schöneberg und spionierten von dort aus unter den genannten Decknamen für die Stasi. Damit waren sie bei weitem nicht die einzigen, in Spitzenzeiten tummelten sich allein im damaligen Bezirk Schöneberg bis zu 200 Zuträger für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). So viele zumindest konnten enttarnt werden. Nachzulesen ist dies und vieles mehr in einem Buch, dass heute vorgestellt wird.

Dass die Leute von Erich Mielke, der zwischen 1957 und 1989 Minister für Staatssicherheit war, nicht nur daheim in der DDR sondern auch im Westen und ganz besonders im alten West-Berlin allgegenwärtig waren, ist nicht neu. Aber jede neue Erkenntnis über das ungeheure Ausmaß ihre Spionagetätigkeit verblüfft immer wieder selbst Fachleute. Und das bis heute. Der Schwerpunkt der Stasi-Aktivitäten in Westberlin lag eindeutig in Schöneberg. In diesem Bezirk, genauer gesagt im Rathaus Schöneberg schlug das politische Herz des freien Teils der Stadt. Hier hatte der Regierende Bürgermeister seinen Amtssitz, hier tagte das Abgeordnetenhaus und hier saßen auch die Verbindungsoffiziere der alliierten Stadtkommandanten im Westteil. Entsprechend groß war das Interesse des MfS an Informationen aus diesem politischen Brennpunkt.

Wie groß, dass wollte die Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg im Sommer 2013 genau wissen und beauftragte Petra Zwaka, die Leiterin der Museen Tempelhof-Schöneberg mit einer Untersuchung. Die Museums-Chefin konnte ihrerseits die Historikerin Irene von Götz und den Politikwissenschaftler Helmut Müller-Enbergs für die Recherchen gewinnen. Irene von Götz initiierte und betreute zahlreiche Ausstellungen verschiedener Berliner Museen zu zeitgeschichtlichen Themen, unter anderem auch zum Thema Stasi. Müller-Enbergs lehrt als Professor an der süddänischen Universität in Odense, lebt aber überwiegend in Berlin und forscht seit Jahren ebenfalls zum Thema Stasi. Die Untersuchungsergebnisse der beiden Wissenschaftler liegen jetzt als Buch vor.

Wissenschaftliche Abhandlungen über die Stasi sind häufig schwere Kost. Forschungsergebnisse müssen präzise belegt werden und so reiht sich in entsprechenden Texten schon mal Aktenzeichen an Aktenzeigen, Deckname an Deckname, Vorgangsnummer an Vorgansnummer und Querverweis an Querverweis. Das im Berliner Metropol-Verlag erschienene Buch “Im Visier der Stasi- Spionage in Berlin-Schöneberg” bildet da eine erfreuliche Ausnahme. Natürlich präsentiert es eine Faktenlage in geballter Form, aufgelockert und somit auch für den interessierten Laien verständlich und angenehm zu lesen wird der Text über eine Vielzahl von Geschichten zu den Spionen, ihrer Arbeit und ihrer Motive. Tragische Geschichten sind ebenso darunter wie skurile.

Da ist die Friseurin “Lara”, auf die die Stasi Mitte der achtziger Jahre durch ihren in der DDR lebenden Halbbruder aufmerksam wurde. “Lara” unterhielt enge private Kontakte zu einem Telefontechniker aus dem Rathaus Schöneberg und einem Polizisten, der am Flughafen Tegel seinen Dienst versah. Das machte sie für das MfS zu einer “perspektivvollen inoffiziellen Mitarbeiterin”, wie ein Stasi-Offizier notierte. Doch schon ein Jahr später musste der Offizier vermelden, die Informantin nehme ihre Aufträge zunehmend nachlässiger, Schuld sei ein neuer Lebenspartner, durch den sich die finanzielle Situation der alleinerziehenden Mutter offenbar entscheidend verbessert habe.

MfS aus Liebe und Geldgier

Auch dem Pferdepfleger “Guido” ging es nur ums Geld. Der rief im Dezember 1980 beim MfS an und bot seine Mitarbeit an, gegen eine Zahlung von 10.000 Mark. Der in den Stasi-Akten als “Selbstanbieter” (SAB) geführte “Guido” sollte in eine in Westberlin aktive rechtsradikale Organisation eingeschleust werden. Sehr professionell arbeitete “Guido” allerdings nicht, unter anderem beharrte er bei Einreisen in die DDR gegenüber den Grenzorganen darauf, das ihm als Mitarbeiter des MfS eine Sonderbehandlung zustünde. “Guido” Weitaus effektiver war da schon der Architekturstudent “Abdul”, der gebürtige Türke engagierte sich in mehreren linksextremen Kurden-Gruppen und stand der sozialistische Ideologie entsprechend nahe. Antiquitätenhändler Otto hingegen wurde erpresst. Als er mit gleich mehreren Pässen in den Ostblock reiste und prompt festgenommen wurde, stellte ihn die Stasi vor die Alternative Mitarbeit oder Haft.

An den gelernten Bäcker “Bady” trat die Stasi heran, als der wie so oft seine in Ostberlin lebende Freundin besuchte. Der schwer verliebte und politisch offenbar sehr vielseitige “Bady” hatte sich bereits bei der SPD und den Grünen betätigt. Auf Geheiß der Stasi trat er dann der CDU bei, um deren Ortsverein Wedding auszuspionieren. Die von der Stasi als “wertvoll” eingeordnete Quelle versiegte allerdings, als die CDU “Bady” wieder ausschloss, der wertvolle Spion hatte seine Mitgliedsbeiträge nicht gezahlt.

Aus enttäuschter Liebe wurde der Feinmechaniker “Herbert” zum Spion. Der Ostberliner glaubte, in einer Westberlinerin die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Er floh in den Westen und heiratete. Als die Ehe zerbrach wollte er doch lieber wieder zurück ins Paradies aller Werktätigen. Die Stasi hatte eine bessere Idee und leichtes Spiel “Herbert”, der sich immerhin der Republikflucht schuldig gemacht hatte, zur Mitarbeit zu überreden. Geschichten wie diese über Spione, ihre Arbeit und ihre Motive gibt es in dem Buch in Hülle und Fülle.

Man könne das Buch auch wie einen Adventskalender betrachten, meint Autor Müller-Enbergs. Gäbe es für jede größere Straße in Schöneberg ein Türchen, fänden sich beim Öffnen die Namen und Adressen der MfS-Spione. In der Tat reicht die Liste der aufgeführten Straßen, in denen die Spione lebten von A wie Augsburger Straße bis W wie Winterfeldplatz, mehr als 100 Straßen sind aufgelistet. In einigen wohnte “nur” ein Stasi-Zuträger, in anderen lebten gleich vier oder fünf, zumeist ohne voneinander zu wissen. Die Folge: Etliche Spione spionierten sich ungewollt gegenseitig aus.

“Im Visier der Stasi – Spionage in Berlin-Schöneberg”, Irene von Götz und Helmut Müller-Enbergs, Metropol-Verlag, 19 Euro