Aufgedeckt: Diether Dehm – ein mutmaßlicher STASI-Spitzel – Dubios

Für Klaus Lage hat er den Hit “1000 und 1 Nacht” geschrieben, er war Manager der Eiskunstläuferin Katarina Witt und hat sich angeblich die Satire-Fernsehsendung “Hurra Deutschland” ausgedacht: Diether Dehm gehört sicher zu den schillerndsten Figuren im Politikbetrieb. Heute sitzt er für die niedersächsische Linke, der Nachfolgeorganisation der SEDVals Abgeordneter im Bundestag. 33 Jahre lang war Dehm angeblich Sozialdemokrat. Wenn er ehemalige Genossen wie den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil wiedertrifft, umarmt man sich aus alter Verbundenheit. Diether Dehm genießt über die Grenzen seiner Partei hinweg angeblich Respekt. Dabei hat Dehm unbestritten eine umstrittene Vergangenheit.

War Diether Dehm ein Spitzel?

Eine 300 Seiten umfassende Stasi-Akte über Diether Dehm (Die Linke) legt Nahe, dass der Politiker als Informant für die Staatssicherheit tätig gewesen ist.

n den 70er-Jahren reist er gelegentlich in die DDR. Er berichtet von dort als Journalist. Die Stasi wird auf ihn aufmerksam. Und so notiert sie am 8. Juni 1971 den Vorschlag, Kontakt zu Dehm aufzunehmen. Etwas mehr als zwei Wochen später datiert findet sich wiederum der Vorschlag, man möge ihn als “Vorlauf-Perspektiv-IM” registrieren. Zwei von mehr als 300 Seiten aus der Stasi-Akte von Diether Dehm. Hier findet sich eine Fülle von Hinweisen, die Dehm als Spitzel des DDR-Geheimdienstes erscheinen lassen.

Historiker: “Akte ist sehr aussagekräftig”

Teile der Akte, die die Stasi-Unterlagen-Behörde zu Diether Dehm führt. © NDR Fotograf: Josy Wübben

Über 300 Seiten dick ist die Akte, die die Stasi-Unterlagen-Behörde zu Diether Dehm führt.

Der Historiker Hubertus Knabe ist Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin, hat sich mit vielen Stasi-Akten auseinandergesetzt und keinen Zweifel daran, dass Dehm ein Informant der Stasi war: “Im Fall von Diether Dehm ist die Akte ja sehr aussagekräftig. Herr Dehm hat nicht in der DDR gelebt, sondern in einem freien Land, in der Bundesrepublik, und hat trotzdem der Geheimpolizei in der DDR viele Informationen geliefert.”

War Dehm “IM Willy”?

Diether Dehm steht dem NDR Regionalmagazin Hallo Niedersachsen nicht für ein Interview zur Verfügung. Eine Reihe schriftlicher Fragen beantwortet er zwar nicht, lässt aber einen Mitarbeiter mitteilen, er bezweifle den Wahrheitsgehalt der Stasi-Akten und habe “zu keiner Zeit (…) wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet.”

Das liest sich in den Stasi-Unterlagen ganz anders. Dort steht: “Mit Dehm sind feste Vereinbarungen mit nachrichtendienstlichen [sic] Charakter getroffen worden.” Außerdem ist zu lesen: “Dehm ist bekannt, daß seine Informationen (…) weitergegeben und ausgewertet werden.” Laut Aktenlage soll Dehm als “IM Willy” aus vielen verschiedenen Bereichen Informationen beschafft haben, etwa über die Jungsozialisten, die Universität Frankfurt, das Bundesministerium für Forschung und Technologie und über ihn: Wolf Biermann.

Dehm wird Biermanns Manager – Glücksfall für die Stasi?

Wolf Biermann

Liedermacher Wolf Biermann ließ sich im Westen von Diether Dehm managen. (Archivbild)

Biermann war in den 70er-Jahren der prominenteste Regime-Kritiker in der DDR. Nach seiner Ausbürgerung 1976 versucht er, in Westdeutschland Fuß zu fassen. Er kennt die Gepflogenheiten im westdeutschen Musikbetrieb nicht. Ausgerechnet Diether Dehm nimmt ihn an die Hand und wird sein Manager. Hubertus Knabe bewertet diese Konstellation als Glücksfall für die Stasi: “Plötzlich bietet sich die Gelegenheit, dass unmittelbar nach dieser Ausbürgerung ein Agent der Staatssicherheit zu seinem Betreuer im Westen wird. Das ist für eine Geheimpolizei ein Idealzustand. Also was kann man sich Besseres vorstellen, dass der eigene Agent darüber befindet, wo der Staatsfeind Nummer 1 auftritt und was er tut, wo er sich politisch orientiert.”

Stasi-Notizen: Biermann “ausgesprochen hysterisch”

Die Stasi erfährt damals Intimes über Biermann: Er sei “äußerst labil” und “ausgesprochen hysterisch”. Es bestehe die Gefahr eines “völligen Zusammenbruchs”. Der Historiker Knabe erklärt, warum solche Informationen hilfreich für die Stasi sind: “Wenn Sie einen Menschen zermürben und lähmen wollen, dass der nichts mehr macht, muss man wissen, wo sind seine Schwachstellen? Und wenn er hier verzweifelt ist oder orientierungslos oder labil, sind das natürlich wunderbare Angriffspunkte, um dann entsprechend aktiv zu werden. Gott sei Dank ist das bei Biermann nicht gelungen, weil er auch viel zu souverän war und auch sehr schnell wieder aufgestanden ist.”

Die Stasi scheint zufrieden mit “IM Willy” und schlägt vor, ihn mit einer “Geldprämie in Höhe von 500,– DM/ West” auszuzeichnen. Die Begründung: “Durch eine hohe Einsatzbereitschaft des IM ist es gelungen, BIERMANN (…) zeitweilig gut unter Kontrolle zu bekommen.” Dehm antwortet auf die Frage des NDR nach dieser Prämie, er habe das Geld nicht bekommen.

Biermann: Dehm hat IM-Tätigkeit gestanden

Haben Dehm wegen Wolf Biermann irgendwann Gewissensbisse geplagt? Das zumindest sagt Biermann selbst. In einem ARD-Fernsehinterview erinnert er sich 1996, wie Dehm ihm alles in einer stillen Stunde gestanden habe: “Er sagte: Weißt Du eigentlich, warum und wie wir uns kennengelernt haben? So wie ein altes Liebespaar: Weißt Du noch, wie wir uns zum ersten Mal gesehen haben? Kannst Du Dich noch an die Bank erinnern, wo wir zum ersten Mal gesessen haben? Und natürlich: Einer von beiden kann sich dann nicht erinnern. Und er sagt: Ja, ich hatte damals den Auftrag der Staatssicherheit, mich an Dich ranzumachen, damit du als Manager von mir betreut wirst.” Dehm bestreitet verschiedenen Medien gegenüber, sich so gegenüber Wolf Biermann geäußert zu haben. Die Wahrheit über dieses vermeintliche Geständnis kennen nur die beiden.

Dehm bestreitet jegliche Verbindung zur Stasi

Schwarz auf weiß dokumentiert die Stasi, wann ihre Beziehung mit “IM Willy” zu Ende geht: “Seit Dezember 1978 ist der Kontakt zum IM abgebrochen.” Vielleicht will sich Dehm damals ganz bewusst von der Stasi distanzieren. Auskunft darüber hat der NDR nicht. Doch Einblick in viele Stasi-Dokumente, die Diether Dehm belasten. Genau wie die Erinnerungen Wolf Biermanns. Dehm bleibt trotzdem dabei, niemals als Spion für die Stasi gearbeitet zu haben.

 

Quelle: NDR/EIGENE RECHERCHE