STASI-Agent Karl Gebauer enttarnt

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“Die Erkenntnisse, die er lieferte, wurden dem Generalstab des Warschauer Paktes, dem Generalstab der Roten Armee und natürlich dem Hauptstab der Nationalen Volksarmee vorgelegt.” Der Mann, der das sagt, weiß wovon er spricht. Er heißt Klaus Eichner, war bis zur Wende Oberst in Diensten der Staatsicherheit der DDR und Analysechef der Abteilung Gegenspionage. Der Mann, über den Eichner jetzt vor laufender NDR Kamera spricht, ist in Zeiten des Kalten Krieges einer der wichtigsten “Inoffiziellen Mitarbeiter” (IM) seiner DDR-Behörde: Karl Gebauer, Stasi-Deckname “Klaus Reuter”. Dabei will Karl Gebauer eigentlich gar kein Spitzel sein, er will lediglich den Weltfrieden retten, wie er viele Jahre nach seinem Verrat in einem von ihm selbst verfassten Buch betont.

 

Der Fall Gebauer

Als Sicherheitsbeauftragter Zugang zu Militär-Dokumenten

Seine verworrene Berufskarriere lässt den in Jever lebenden Buchbinder irgendwann bei einer US-amerikanischen Computerfirma in Wilhelmshaven unterkommen. Deren Fachsparte entwickelt Computersysteme für die Bundesmarine. Gebauer wird deren Sicherheitsbeauftragter und erhält Mitte der 70er-Jahre Zugang zu geheimsten Dokumenten. Auch zu Unterlagen über das Projekt “Tenne”. Ein Militärprojekt, so meint Gebauer, dessen Ziel es gewesen sei, den atomaren Erstschlag gegen den Warschauer Pakt vorzubereiten.

Als Gebauer davon Kenntnis erhält, ist er erschüttert und verängstigt, sieht das “Gleichgewicht des Schreckens” in Gefahr. Seine Annahme: Wenn das militärische Gegenüber von diesen Plänen weiß, kann das Gleichgewicht wieder hergestellt werden. Gebauer nimmt Kontakt zu einem westlichen Nachrichtenmagazin auf. Doch dort, so schreibt er in seinem Buch, wolle man sich auf diese heiße Angelegenheit nicht einlassen.

Letzte Ausfahrt Stasi?

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Der ehemalige Stasi-Spion Karl Gebauer bei einem Interview mit dem NDR 1999. © NDR Kulturjournal Fotograf: NDR Kulturjournal
05:16 min

Karl Gebauer: Top-Agent aus Wilhelmshaven

17.09.2014 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen

Karl Gebauer lieferte der Stasi seinerzeit die wichtigsten Informationen über Rüstungsprojekte. Gleichzeitig unterhielt er Kontakte zu westlichen Geheimdiensten. Video (05:16 min)

Gebauer glaubt, keine andere Wahl zu haben und sucht sein Heil im Osten. Er reist nach Ost-Berlin und klopft buchstäblich bei der Stasi an die Tür. In seiner Stasi-Akte wird es über die erste Begegnung am Bahnhof Friedrichstrasse in Ostberlin später heißen: “Am 21.3.1975 erschien gegen 9.15 Uhr der Bürger der BRD, Gebauer, Karl-Paul. Der Bürger der BRD brachte sofort zum Ausdruck, dass er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt der DDR ausschließlich dazu nutzen wollte, Kontakt zu Dienststellen des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) herzustellen.”

Doppelagent in Diensten des MfS

Es ist der Beginn einer für die Stasi wunderbaren, aber nicht unproblematischen “Freundschaft”. Nicht immer hält sich Gebauer an das strenge Reglement der Stasi, wenn es um die Kontaktaufnahme mit seinen Führungsoffizieren geht. Doch die Quelle “Klaus Reuter” ist für die Stasi allzu wertvoll. Schließlich hat Gebauer nicht nur Zugang zu geheimsten Nato-Papieren. Wegen seiner besonderen Vertrauensstellung bei IBM hat er auch Kontakte zum Verfassungsschutz und zum Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr. Gebauer vereinbart auch mit diesen Geheimdiensten des Westens eine Zusammenarbeit und gibt auch diese Informationen an den Osten weiter. Gebauer ist mittlerweile Diener zweier Herren – ein klassischer Doppelagent in Diensten der Stasi.

Ohne Job – ohne Infos – ohne Nutzen für die Stasi

1985 zeigt die Stasi dem Mann aus Jever die kalte Schulter. Gebauer hat seinen Job verloren, nachdem das IBM-Projekt in Wilhelmshaven beendet ist. Weil er von nun an keine nutzbringenden Informationen mehr liefern kann, wird die Zusammenarbeit mit dem Osten beendet: In der Stasi-Akte heißt es zur Begründung: “Perspektivlosigkeit”. Einen Agentenlohn, so heißt es in den Papieren der Staatssicherheit, habe “IM Klaus Reuter” nie verlangt, nur auf Ersatz seiner Kosten habe er bestanden. Gemeinsam habe man sich über “gelungene Aktionen gefreut”.

Zwölf Jahre Haft – Motiv bewirkte das genaue Gegenteil

Nach der Wende fliegt die Agententätigkeit Gebauers auf. Vom Kammergericht Berlin wird er 1994 verurteilt: zu zwölf Jahren Haft wegen Landesverrats. Das Verfahren ist nicht öffentlich – eine absolute Ausnahme. Offenbar waren Gebauers Informationen auch in den 90er-Jahren noch brisant. Das Urteil (AZ 2/1/3 StE 5/93-4  (1) (17/93)) liegt dem NDR in Auszügen vor: Gebauers Verrat, so urteilt das Gericht, hätte im Ernstfall verhängnisvolle Folgen gehabt und die Verteidigung des westlichen Bündnisses im Nord- und Ostseeraum massiv behindert: “Ohne den Schutz der Bundesmarine in diesem Raum wäre eine erfolgreiche Verteidigung der Bundesrepublik gegen einen Angriff des Warschauer Paktes außerordentlich erschwert – und, wenn überhaupt, allenfalls mit enormen Verlusten, insbesondere auch an Menschenleben, möglich gewesen.” Sein vermeintliches Vorhaben, durch den Verrat für ein Gleichgewicht der Kräfte zu sorgen, habe tatsächlich das genaue Gegenteil bewirkt und dem Warschauer Pakt entscheidende Vorteile verschafft, stellt das Kammergericht fest.

Begnadigung – und keine Reue

1998 wird er wegen seines schlechten Gesundheitszustandes begnadigt. Reue zeigt er nicht. In einem Fernsehinterview mit dem NDR nach der Veröffentlichung seines Buches nimmt er für sein Handeln den Frieden als Prämisse in Anspruch: “Keine Überlegenheit. Weder Ost noch West. Wenn es die politische Situation gegeben hätte, dann hätte irgendein Idiot auf den roten Knopf gedrückt, und dann wäre das Chaos dagewesen.” Das zu verhindern, sah Gebauer als seine Aufgabe an.

Ehemaliger Stasi-Oberst gehört 2002 zur Trauergemeinde

Beim DDR-Geheimdienst zumindest fand Gebauer aufmerksame Zuhörer, wie sich Ex-Stasi-Oberst Eichner noch heute erinnert: “Er war eine bedeutsame Quelle, weil er auf einem Gebiet, das wir nicht kannten, die Vorbereitung eines Erstschlages gegen Warschauer Pakt dokumentiert hat. Es war logisch, dass das geplant wird. Aber wenn man das dann auf dem Tisch hat, sieht das doch etwas anders aus.”

Ganz anders die Sichtweise von Dr. Georg Herbstritt, Historiker bei der Stasi-Unterlagenbehörde: “Gebauer hat sich ohne Not der Stasi angedient. Er kannte das Risiko und er wusste, dass er sich strafbar machen würde. Er hat sich darauf eingelassen und kann sich im Nachhinein nicht auf den Standpunkt stellen, die Verurteilung sei Unrecht gewesen.” Gebauer ist 2002 in Dresden gestorben. Oberst Eichner gehörte zur Trauergemeinde.

 

 

QUELLE: EIGENE RECHERCHE/NDR/