Enttarnt: Die STASI im Vatikan: Den Agenten ist nichts heilig

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Im Trabant tuckerte Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI, im Jahr 1974 durch die Thüringer Landschaft. Er wollte die Klassikerstätten sehen. Von Erfurt ging es nach Jena und Weimar. Am Steuer saß Joachim Wanke, der heutige Erfurter Bischof. Für Wanke war der Ausflug “ein großes Vergnügen”. Er war damals noch Assistent im Priesterseminar, der einzigen katholischen Hochschule der DDR.

Mehrmals schon war Ratzinger nach Erfurt ins Priesterseminar gekommen, um vor den Studenten und Theologen Vorträge zu halten. Diesmal wollte er auch etwas von der DDR sehen. Neben der Trabi-Fahrt bekam Ratzinger einen Einblick in den typischen DDR-Alltag: Vor einer Hotel-Gaststätte in Weimar musste er eine halbe Stunde warten, bevor er einen Tisch zugewiesen bekam.

Ratzinger war zu dieser Zeit bereits ein bekannter Geistlicher. Kein Wunder also, dass sich die DDR-Staatssicherheit mehr und mehr für ihn interessierte. Spektakulär sind die Informationen über den Besuch 1974 nicht. Ganz offensichtlich fehlten dem MfS geeignete Informanten. IM Birke, ein Mitarbeiter des Bischofs im Bistum Meißen, wusste lediglich zu erzählen, dass Ratzinger Vorträge über moderne Theologie vor Studenten und Akademikern gehalten habe. Von der Trabifahrt und dem Restaurantbesuch gab es keine Berichte.

Stasi setzt Spitzel in Ost und West an

Ratzingers Bedeutung innerhalb der Kirche nahm stetig zu. Die Staatssicherheit verstärkte ihre Bemühungen, Informationen über ihn zu bekommen. Im Visier hatte sie unter anderem die Kontakte der katholischen Kirche über die innerdeutsche Grenze hinweg. So überwachte sie auch den Besuch Ratzingers 1978 in Berlin, als er zu einem Gespräch mit Kardinal Alfred Bengsch kam. Bengsch war damals Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz und damit oberster katholischer Bischof in der DDR. Die Auslandsabteilung der Staatssicherheit, die HVA, übernahm die Beobachtung Ratzingers und verpflichtete Agenten in Ost und West, um an Informationen zu kommen.

Ratzinger galt in der DDR als konservativ, reaktionär und autoritär. Die Staatssicherheit verfolgte seinen Werdegang vom Erzbischof von München und Freising zum Kardinal bis zur Dienstaufnahme im Vatikan. 1984 schrieb die Stasi unter anderem, Ratzinger verbinde eine “enge Freundschaft” mit Karol Wojtyla, dem polnischen Papst Johannes Paul II. Ratzinger habe sich sehr für die Berufung Wojtylas zum Papst eingesetzt. Später habe Johannes Paul II  Ratzinger beauftragt, die “konterrevolutionäre Entwicklung in Polen”  zu organisieren.

Weiter stellt die Stasi fest, Ratzinger sei im Vatikan einer der einflussreichsten Politiker und werde als “einer der schärfsten Gegner des Kommunismus´ betrachtet”. Überdies spreche er sich für nukleare Abschreckung zwischen den Militärblöcken aus, Pazifismus sei seiner Meinung nach realitätsfremd. Das MfS untersuchte auch Ratzingers Jugend und eventuelle Verbindungen in der Nazizeit. In einem Lebenslauf beginnt Ratzingers “politische Entwicklung” mit dem Eintrag “Flakhelfer” im Zweiten Weltkrieg.

Viele Stasi-Berichte gelöscht

Auf mehreren hundert Seiten finden sich Informationen der Staatssicherheit zu Joseph Ratzinger, doch sie sind wenig aussagekräftig. Die einzelnen Berichte der Auslandsspionage wurden fast vollständig gelöscht. Überliefert sind lediglich Karteien, die, ähnlich einem Register, nur die grundlegenden Informationen enthalten, wer wann und warum Daten zu Ratzinger gesammelt hat.

Nach Recherchen des MDR THÜRINGEN hat mindestens ein Dutzend inoffizieller Mitarbeiter der Stasi-Auslandsspionage HVA über Ratzinger berichtet. Hinweise auf Informationen aus dem persönlichen Bereich Ratzingers geben die Karteien aber kaum. Zumindest eines verraten sie: die Namen der offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter.

Decknamen “Lichtblick”, “Gemse”, “Löwe”

Kuppeldächer der Marienkirche in München, davor die goldene Marienskulptur

Auch in der Bundesrepublik fand das MfS Spitzel: Priester, Journalisten, Politiker.

Zwei DDR-Universitätsprofessoren berichteten über Ratzinger. Beide galten dem MfS als zuverlässig: IM Aurora, ein Professor in Jena und Warnemünde, lehrte wissenschaftlichen Atheismus. Hinter IM Lorac versteckte sich ein Theologie-Professor aus Leipzig. Informationen lieferte unter anderem auch IM Georg. Er arbeitete im Leitungsgremium der Berliner Bischofskonferenz und kannte die Interna der katholischen Kirche. Unter den Spitzeln, die die Stasi in der Bundesrepublik führte, war ein Benediktinerpater aus Trier unter dem Decknamen “Lichtblick”. Er spitzelte jahrzehntelang für das MfS und berichtete äußerst umfangreich und “zuverlässig” über Ereignisse aus dem Vatikan. Auch der Agent “Antonius” lieferte massenhaft Informationen über Papst, Vatikan und Ratzinger. Antonius wusste Bescheid, schließlich arbeitete er für die katholische Nachrichtenagentur KNA aus Rom. Daneben führte die Stasi in Italien einen IM Bernd, der Informationen zur Außenpolitik des Vatikans lieferte und einen Journalisten in München mit Tarnnamen “Gemse”. Besonders prominent in der Reihe der Informanten war ein CSU-Bundestagsabgeodneter, ein einstiger Vertrauter von Franz Josef Strauß, der für die Auslandsspionage der Stasi unter dem Decknamen “Löwe” “vertrauenswürdig” agierte.

Bevorzugte Abfertigung an der Grenze

So war die DDR gut vorbereitet, als Joseph Ratzinger 1987 zum einzigen Katholikentreffen in der DDR nach Dresden reiste. Die Stasi betrieb einen enormen Aufwand bei der Überwachung des Treffens. Ratzinger reiste mit mehreren Bischöfen aus der Bundesrepublik an. Aufschlussreiche Informationen finden sich auch hierzu kaum noch in den Akten. Eher wirkt es so, als hätte die Stasi alles getan, um den Besuch Ratzingers, der als Vertreter des Papstes in die DDR kam, möglichst angenehm zu gestalten, zumindest was die Grenzkontrollen betrifft. Um jegliches Aufsehen zu vermeiden, waren die Sicherheitskräfte angewiesen, den Kardinal höflich und bevorzugt am Grenzübergang abzufertigen. Auch weltliche Übel wie Zollkontrollen oder der für andere Westbesucher übliche Mindestumtausch hatten zu entfallen.

Trotz des großen Aufwands: Nicht alle Details, die die Stasi zu Ratzinger festhielt, waren korrekt. Seinen Geburtsort Marktl nennt das MfS beispielsweise Merkl. Und auch positive Seiten konnte die Stasi Ratzinger abgewinnen: Neben hoher Intelligenz bescheinigt sie ihm: “Obwohl er zunächst auf einen Gesprächspartner etwas scheu wirke, verfüge er über einen gewinnenden Charme.”