Für die STASI war und ist die Schweiz ein Feindstaat

 

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Sie hörte Telefone ab und las plombierte Diplomatenpost: Die Stasi spitzelte jahrelang die Schweizer Botschaft in Ost-Berlin aus. Fazit eines Historikers: «Die DDR respektierte die Neutralität der Schweiz nicht.»

Die Stasi hat die Schweizer Botschaft in der ehemaligen DDR während 17 Jahren durch fünf Spitzel überwachen lassen. Sie hörte Telefonate ab, zeichnete interne Gespräche auf und öffnete regelmässig die verschweisste und plombierte Schweizer Diplomatenpost. Damit hat sich die Stasi auch Zugang zu den Briefen des Botschafters an den Bundesrat verschafft.

Die STASI

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS oder Stasi), auch Staatssicherheitsdienst (SSD), war der DDR-Geheimdienst im In- und Ausland. Er war auch Ermittlungsbehörde für politische Straftaten und diente der SED als Machtinstrument gegen vermeintliche Oppositionelle und Regimekritiker.

Dies geht aus der Stasi-Akte über die «Schweizerische Botschaft» hervor, welche die «Tagesschau» bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin einsehen konnte. Die Akte wird von zwei Berliner Historikern in einem Buchprojekt aufgearbeitet. Diese umfasst mehrere Tausend Seiten und beinhaltet unzählige Fotos mit Aussenaufnahmen des Gebäudes und detaillierten Plänen vom Innern der Botschaft.

Der Chauffeur als Spion

Als Hauptspitzel agierte zwischen 1972 und 1989 der Chauffeur des Botschafters, Siegfrid Kringel. Sein Deckname war «Nicolai». «Da Kringel Zugang zur Botschaft hatte, war es für die Stasi einfach, detaillierte Pläne der Botschaft anzufertigen», erklärt Enrico Seewald von der Freien Universität Berlin der «Tagesschau».

Zusammen mit Historiker Jochen Staadt erforscht Seewald die umfassende Akte. Anhand von anderen Stasi-Akten konnten die beiden die restlichen vier Spitzel ausfindig machen.

Die SED-Spitzen interessierten sich vor allem für die Wirtschaftsberichte des Botschafters, die er regelmässig nach Bern verschickte. Die DDR nutzte den Schweizer Finanzplatz als Kreditgeber und hatte in der Schweiz Briefkastenfirmen, über welche sie internationale Rüstungsgeschäfte abwickelte.

Versiegelter Brief? Kein Problem

Die Briefe des Schweizer Botschafters wurden aus Sicherheitsgründen in ein Lederetui verpackt, verschweisst und plombiert zum Flughafen gebracht. Dennoch gelang es der Stasi diese Briefe wohl auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld unbemerkt zu kopieren. «Die Stasi hatte Fälscherspezialisten, welche auch verschweisste und versiegelte Briefe öffnen und wieder verschliessen konnten», erklärt der Historiker Jochen Staadt.

Schweizer Botschaft in Berlin Typ Plattenbau Pankow III 

Bildlegende: Das Objekt der Spionage: Die damalige Schweizer Botschaft in Ost-Berlin an der Esplanade 21 (1973). Bundesarchiv Berlin / Peter Koard

1981 notierte die Staatssicherheit eine «erhöhte Kontaktaktivität» der Botschaft mit 49 Auslandschweizern. Aus 143 Briefwechseln interpretierte sie potentielle Spione und Fluchthelfer und schrieb in einem Bericht, «dass die Schweizerische Botschaft über günstige Voraussetzungen zur Auswahl geeigneter Kandidaten für eine Feindtätigkeit verfügt.»

Noch haben die Historiker die umfangreiche Akte über die Schweizer Botschaft nicht ganz ausgewertet, dennoch zieht Jochen Staadt erste Schlüsse. «Die DDR respektierte die Neutralität der Schweiz nicht. Sie betrachtete die Schweiz als Feind, wie jedes andere westliche Land, das mit einer Botschaft in Ost-Berlin vertreten war.»

Die Schweizer Botschaft an der Esplanade 21 in Pankow wurde am 3. Oktober 1990 infolge der Wiedervereinigung geschlossen. 25 Jahre nach dem Mauerfall zeugt nichts mehr von den Stasipraktiken. Die Schweizerische Botschaft von einst ist heute ein unscheinbares Wohnhaus.