Putins KGB Palast-Entourage enthüllt

Es ist einsam geworden um Präsident Putin in seiner Residenz Nowo-Ogarjowo bei Moskau, seiner „Festung“, die er offenbar nur noch ungern verlässt. Selbst alten Weggefährten misstraut der Ex-KGB-Oberstleutnant inzwischen. Direkten „Zugang zum Körper“, wie in Russland der direkte Draht zum Präsidenten genannt wird, haben vor allem sechs alte Vertraute in Schlüsselpositionen, mit Geheimdienst- und KPdSU-Hintergrund. Sie formieren sein Bild von der Welt. Die meisten dieser mächtigen Männer sind so unscheinbar, dass man sich ihre Gesichter nur schwer merken kann und sie auch kaum auffallen würden – genau das war Teil ihrer Ausbildung beim KGB, wie einer von ihnen, Sergej Iwanow, einst verriet: „Uns wurde eingebläut, in der Menge nicht aufzufallen“ Des weiteren lernten sie beim KGB demzufolge, „viel zu reden, ohne dabei etwas zu sagen.« FOCUS Online stellt Putins „Politbüro“ vor.

Sergej Iwanow – Hartes „Hinkebein“ aus dem KGB-Kader

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Kreml-Insider sagen dem 61-Jährigen nach, dass er sich insgeheim für den besseren Präsidenten halte  und es ihn ein wenig schmerzt, dass mit seinem Kameraden Putin ein früherer Oberstleutnant das Land führt – und er als General nur die zweite Geige spielt. Die beiden lernten sich in Petersburg als junge KGB-Offiziere kennen. Als Chef der allmächtigen Präsidialverwaltung ist der passionierte Angler und Kartenspieler heute mächtiger als etwa Premierminister Medwedew, der kaum etwas zu sagen hat im inoffiziellen Machtgefüge. Der Mann mit dem Kreml-Spitznamen „Hinkebein“ spionierte einst als KGB-Agent in London – auch das ein weitaus prestigeträchtiger Posten als Putins Stelle in der der DDR in Dresden. Nicht zuletzt aufgrund der West-Erfahrung gilt Iwanow, der englisch und schwedisch spricht und britische Krimis liebt, als der geschliffenste und weltläufigste Mann in Putins „Politbüro“; Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice bezeichnete ihn als „hart und misstrauisch, aber zuverlässig“

Heute erzählt der farblos wirkende Pragmatiker nicht ohne Stolz, dass Putin fast täglich mit ihm spricht, telefonisch oder persönlich – im heutigen Russland ein Ausweis von größter Wichtigkeit. Sohn Sergej (33) ist Aufsichtsratschef der staatlichen Rosselchosbank und Vorstand der Gasprombank. Sohn Alexander (36) ist Vizechef der staatlichen Vneshtorgbank. Er tötete bei einem Autounfall 2005 eine Fußgängerin; die Behörden stellen das Verfahren gegen ihn ein, ermittelten dafür gegen den Schwiegersohn des Opfers. Berichterstattung über den Vorfall wurde mit Waffengewalt unterbunden; am Tag nach dem Unfall zeigte sich Vater Iwanow bestens gelaunt bei einer Fußballfeier; spätere klagte er, wie belastend der Unfall für seinen Sohn gewesen sei.

Alexander Bortnikow – Der Mann fürs Grobe

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Der Chef des Geheimdiensts FSB gilt als Putins Mann fürs Grobe. Schon vor dem Aufstieg in den Chefsessel erledigte er bei dem KGB-Nachfolger nach Angaben von Insidern ohne Murren die besonders heiklen Aufgaben für seinen Oberbefehlshaber mit Präzision, Verschwiegenheit und ohne erkennbare Anzeichen von Skrupeln. Der 63-Jährige mit der hohen Stirn und den stechenden Augen gilt als die unbekannteste und verschlossenste Figur aus Putins innerem Macht-Zirkel. Er soll Putin gegenüber persönlich die Verantwortung dafür übernommen haben, dass Präsidenten-Darsteller Medwedew von 2008 bis 2012 im Kreml nicht Spaß an der Rolle findet und plötzlich nach der wirklichen Macht im Land greift. Selbst die Reichen und Mächtigen in Moskau sprechen seinen Namen mit größter Vorsicht aus – niemand will ihn zum Feind haben.

 

Mit seinen Berichten, die für Putin jeden Tag die erste Lektüre sind, entscheidet Bortnikow was ins Blickfeld des Staatsfelds gerät und bestimmt damit ganz wesentlich seine Weltsicht. Über seine Kindheit und Jugend ist so gut wie nichts bekannt; an seiner Ex-Hochschule, dem Eisenbahn-Ingenieur-Institut in Petersburg, hieß es auf Nachfragen über ihn nur, man solle sich an die Pressestelle des Geheimdiensts wenden. Mit 24 Jahren ging Bortnikow zum Leningrader KGB. In der Moskauer Zentrale überstand Bortnikow unter Putin mehrere Säuberungswellen, die fast alle seine Kollegen aus dem Amt spülten. Bortnikows Sohn Denis (39) ist Direktor bei der VTB-Bank-Gruppe.

 

Nikolaj Patruschew – Die immer ernste Büroklammer

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Dem Sekretär des russischen Sicherheitsrates sagen Spötter nach, er habe die Ausstrahlung einer wandelnden Büroklammer. Der 62-Jährige Schiffbau-Ingenieur und KGB-Offizier war von 1999 bis 2008 Chef des KGB-Nachfolgers FSB. Er stammt ebenso wie Putin aus Sankt Petersburg. Anfang der 90er-Jahre war er dort beim KGB für die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität zuständig und lernte dabei Putin kennen, der als Vize-Bürgermeister den Außenhandel kontrollierte und im Zentrum einer großen Korruptionsaffäre stand. Auch über Patruschew selbst soll wegen illegaler Handelsgeschäfte ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten sein; das jedenfalls behauptete der Ex-KGB-Offizier Alexander Litwinenko, der 2006 in London einem Anschlag mit dem hochradioaktiven Polonium zum Opfer fiel; der britische Geheimdienst vermutete hinter diesem Anschlag Patruschews FSB.

Als Putin nach der Wahlniederlage seines Chefs und kurzer Arbeitslosigkeit 1996 nach Moskau wechselte, folgte ihm Patruschew wie ein Schatten durch die Institutionen. Der 62-Jährige gilt als braver Befehlsempfänger ohne eigene Ambitionen und ausgeprägte Meinung. Putin soll vor allem seine absolute Loyalität schätzen. Auf die Frage nach seinem Hobby antwortete der Freizeit-Volleyballer einst: „Meine Arbeit.“ Der stets ernste Beamte meidet die Öffentlichkeit; nach Erinnerung von Klassenkameraden scheute er bereits als Kind Kameras und blieb schon in der Schule lieber im Hintergrund. Patruschews Sohn Andrej (32) ist Vize-Chef eines Gasprom-Unternehmens, Sohn Dmitri (36) ist Vorstandsvorsitzender und Mitglied des Aufsichtsrates des staatlichen Geldhauses Rosselchosbank.

Alexander Bastrykin – Vor ihm zittern die Kremlkritiker

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Der 60-Jährige Studienfreund von Putin ist als Leiter des Untersuchungskomitees – eine Art russisches FBI – der oberste Ermittler in Russland. Der gelernte Jurist und Dozent machte in Leningrad Karriere in der kommunistischen Jugendorganisation Komsomol und später in der KPdSU. Für Aufmerksamkeit sorgt der Chefermittler vor allem durch seinen unermüdlichen Einsatz gegen Kreml-Kritiker. Der Regimegegner und Blogger Alexej Nawalny wies nach, dass Bastrykin eine Aufenthaltsgenehmigung für Tschechien hatte, dort eine Firma besaß – was russischen Beamten per Gesetz verboten ist – und über diese eine Immobilie erwarb, die er in seiner Steuererklärung nicht aufgeführt hatte.  Bastrykin beschuldigte Nawalny daraufhin, ein US-Agent zu sein; der Blogger geriet ins Kreuzfeuer der seiner Behörde. Als seine Untergebenen die Ermittlungen einstellten, beschimpfte Bastrykin sie öffentlich. Nawalny wurde wegen angeblicher Wirtschaftsverbrechen in erster Instanz zu fünf Jahren Haft verurteilt; später setzte ein Gericht die Strafe zur Bewährung aus ; heute hat er Hausarrest und Internetverbot.

Bastrykin gilt als impulsiv und aufbrausend. 2004 soll er einen Hundebesitzer vor seinem Haus mit seiner Pistole geschlagen und ihm gedroht haben, ihn zusammen mit dem Tier zu erschießen. 2012 ließ Bastrykin den Chef vom Dienst der kritischen Zeitung „Nowaja gaseta“ nach kritischen Berichten in ein Waldstück fahren und drohte ihm dort, er könne ihn umbringen, verscharren, und werde dann selbst die Ermittlungen leiten. Die Zeitung verlor bereits sechs Journalisten durch Morde, darunter auch Anna Politkowskaja.  Bastrykin bestritt die Vorwürfe zunächst; nachdem der Vorfall im Ausland große Schlagzeilen machte, entschuldigte er sich für seine „emotionale Explosion“.

Igor Setschin – Putins „Siamesischer Zwilling“

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Der verschlossene Ex-KGB-Mann und Dolmetscher hatte im Kreml lange Zeit den Spitznamen „Putins Siamesischer Zwilling“. Schon Anfang der 1990er Jahre, als der heutige Präsident in Petersburg als Vize-Bürgermeister für den Außenhandel zuständig war, residierte der grimmige 53-Jährige in seinem Vorzimmer und kontrollierte mit „Radarblick“, so ein Zeitzeuge, wer Zutritt zu seinem Chef bekam. Zuweilen verwechselten Besucher außerhalb der Amtsgemächer den stets gut gekleideten Sekretariats-Vorsteher mit seinem Chef – ein Fehler, der für die Business-Pläne verheerend war. Als neuer Kreml-Chef installierte Putin den alten Petersburger Vertrauten wieder in seinem Vorzimmer, im Range eines Vize-Präsidialamtschefs – womit er an einer Schlüsselposition saß, die nach Ansicht von manchen Insidern wichtiger war als das Amt des Premierministers. Von dem extrem öffentlichkeitsscheuen Ex-Geheimdienstler existierten lange Zeit nur unscharfe Fotos.

Im Vorzimmer entwickelte der „Graue Kardinal“  wie sein Chef ein Faible für Russlands Rohstoffe. Er gilt als der Kopf hinter der Festnahme des Oligarchen Michail Chodorkowski und der Zerschlagung von dessen Jukos-Konzerns. Seine Tochter ist mit dem Sohn des damals federführenden Generalstaatsanwalts verheiratet. Das Jukos-Erbe gehört inzwischen  zum Rosneft-Konzern, dessen oberster Chef Setschin heute ist. Nach seinem Wechsel aus dem Kreml in das Unternehmen kühlte die Beziehung zu Putin etwas ab. Setschins Ex-Frau, mit der er weiter gute Beziehungen pflegt, ist erfolgreiche Multi-Unternehmerin; sein Sohn arbeitet bei ihm im Konzern.

Sergej Schojgu – Das Fossil aus der Ära Jelzin

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Der 58-Jährige mit dem breiten Gesicht und Dauergrinsen fällt aus dem Rahmen in Putins engster Umgebung: Er und sein Chef kennen sich nicht aus Petersburg, Schojgu liebt die Öffentlichkeit, er strotzt vor Kraft, und statt durch Unauffälligkeit fällt er durch bodenständiges Charisma auf. Der gelernte Ingenieur und Funktionär der Kommunistischen Partei  ist ein Überbleibsel aus seiner anderen politischen Epoche – und wird deswegen scherzhaft als „Putins Fossil“ bezeichnet: Er machte schon unter Putins Vorgänger Boris Jelzin Karriere, als er den Katastrophenschutz aufbaute. Auf den Bildschirmen war er als Notretter im Kampfanzug zwei Jahrzehnte allgegenwärtig. Durch seine Hilfe bei politischen Katastrophen erwarb sich der Mann aus Tuwa, einer buddhistisch geprägten russischen Teilrepublik an der mongolischen Grenze, das Vertrauen des KGB-Manns Putin. Im  Jahr 2000 wurde Vorsitzender der neu gegründeten Kreml-Partei „Einheit“, als die noch als Himmelfahrtskommando galt. Im April 2012 schickte ihn Putin als Gouverneur in die Moskauer Oblast, das skandalerschütterte Umland der Hauptstadt, wo er endlich für Ruhe sorgen sollte. Sieben Monate später musste er das wichtige Verteidigungsministerium übernehmen.

Schojgu, der in seiner Freizeit gerne Holz schnitzt, gilt als grobschlächtiger Pragmatiker und Freund einfacher Sprache. Zuweilen verwunderte er mit Vorschlägen wie seiner Initiative von 2009, „Verneinungen des Sieges der UdSSR im Großen Vaterländischen Krieg“ als Straftat zu verfolgen. Schojgu, nach dem in seiner Heimat eine Straße benannt ist, war in mehrere Korruptionsskandale verwickelt, die ihm aber allesamt nichts anhaben konnte. Seine Frau ist erfolgreiche Unternehmerin.

Am 9. Mai erschien Boris Reitschusters Buch „Putins Demokratur – Ein Machtmensch und sein System“ in stark erweiterter und aktualisierter Auflage im Verlag Econ Berlin.