Der Journalistenmord an Putins Geburtstag

Es ist ausgerechnet der Geburtstag des Präsidenten Putin, als in einem Moskauer Mietshaus der Mörder zuschlägt: Fünf Mal schießt er auf jene Frau, die es gewagt hatte, die Obrigkeit herauszufordern – mit Geschichten, die doch nur eine Seite ihres Landes beschreiben.

Putin beim Judo-Training. Putin beim Judo-Training.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Es sind Geschichten der Willkür, der Korruption, der Brutalität. Sie handeln von Menschen wie dem ehemaligen Elektriker Wladimir Smola, der seit einem Bombenangriff auf sein Haus auf einem Massengrab lebt und den Verstand verloren hat. Oder von dem 17-jährigen Anton Berdnikow, der schwer verletzt wurde, als ihn Omon-Kräfte abschleppten und in einem Keller zusammenschlugen.

Bilderserie

Über all dies schrieb Anna Politkowskaja bei der kremlkritischen Moskauer Zeitung “Nowaja Gazeta” – und es sollte sie das Leben kosten. Vor genau fünf Jahren, am 54. Geburtstag des damaligen Präsidenten , schoss sie ein Mörder im Treppenhauses ihres Hauses mit fünf Kugeln nieder, .

Politkowskaja, die im Westen vielfach ausgezeichnete Journalistin, hatte sich ein Vergehen zuschulden kommen lassen: Sie wollte nicht schweigen. Trotz wiederholter Morddrohungen und einem Giftanschlag, trotz steter Anfeindungen durch die Behörden schrieb sie immer wieder eindringlich über die Missstände in Russland, über die Hölle des Tschetschenienkrieges, über Gewaltorgien der russischen Miliz und über Städte, die es eigentlich nicht gibt. Nun sind ihre letzten Reportagen erstmals auf Deutsch erschienen in dem Buch “Die Freiheit des Wortes. Letzte Berichte aus einem gefährdeten Land.”

Generäle verdienen an Särgen

Ramsan Kadyrow nannte Poltikowskaja eine Feindin, die dafür bezahlen werde. Ramsan Kadyrow nannte Poltikowskaja eine Feindin, die dafür bezahlen werde.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Während das Russland unter dem Ex-Geheimdienstler Putin vom Westen hofiert wurde, schaute sie auf die andere Seite des Riesenreichs. Über Jahre bereiste sie Tschetschenien und sprach mit den Opfern des dortigen Krieges, die ausgebombt und bedroht ihr Dasein fristeten. Auch die Profiteure des Terrors beschrieb sie: Ölbarone, die prächtig von illegalen Bohrlöchern auf den “Wunderfeldern” leben, und Moskauer Generäle, die an jedem Sarg aus dem Kaukasus verdienen. Als sie einen der größten Kriegsgewinnler, , besuchte, war sie froh, mit dem Leben davonzukommen. Ihr Interview mit Tschetscheniens Herrscher von Putins Gnaden in dessen geschmackloser Festung, in der jedes Möbelstück mit Preisschildern bestückt war, gehört zu den gruseligsten Schilderungen in dem nun veröffentlichten Band.

Doch Politkowskaja schrieb nicht nur über das Chaos im Kaukasus. Vielmehr prangerte sie Missstände aller Art an, sei es im Gesundheitssystem, in Waisenhäusern oder sogenannten Filtrationspunkten, in denen die Miliz zu “Spezialmaßnahmen” gegen Oppositionelle griff. Mit klaren Worten geißelte sie das “System Putin”: “Das Land lässt sich aufs Neue von Menschen lenken, die allein in Kategorien der Provokation denken können”, heißt es in einem ihrer Artikel. Für sie gibt es ein Russland der bewaffneten uniformierten Sicherheitskräfte, die “mit der Macht verwachsen” sind. Und: alle Übrigen. Unausweichlich laufe alles auf den Zusammenstoß der zwei Welten hinaus. “Dann ist nur eins von beidem möglich. Entweder weichen wir vor ihnen zurück und sie kröpfen uns. Oder wir zwingen sie, nach unseren Regeln zu leben. Eine dritte Variante gibt es nicht.”

Anna Politkowskaja wich nicht zurück. Doch anderthalb Jahre, nachdem sie dies geschrieben hatte, fand eine Nachbarin sie ermordet im Hausflur. Mit ihr wurde eine der der raren kritischen Stimmen, die in Russland beharrlich gegen Putin und die Bande der Geheimdienstler aufbegehrten, zum Schweigen gebracht. Ihre Botschaft aber bleibt – ebenso wie ihre Artikel, die kaum etwas von ihrer Aktualität eingebüßt haben.

 

Quelle: NTV